198 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1913,
kleinen westlichen Bucht zwischen Spanien und Nordafrika die Orte fast gleich-
zeitig Hochwasser gegen 3.5h zeigen, während das breite Becken des westlichen
Mittelmeers an allen Küsten und auch an den Inseln Hafenzeiten bei etwa 9%
aufweist. Durch diese Verteilung der Hafenzeiten fällt die übliche Ansicht, daß
die Gezeiten des westlichen Mittelmeeres eine Schaukelbewegung um eine etwa
bei Menorca von Norden nach Süden verlaufende Knotenlinie vollführen. Die
Annahme einer einfachen West-Ost-Schwingung muß also fallen gelassen werden.
An ihrer Stelle setzt R. v. Sterneck folgende Erklärungsmöglichkeit.
Das westliche Gebiet mit einer mittleren Hafenzeit von etwa 3b vollführt
eine Schaukelbewegung um die eingezeichnete Knotenlinie vom Cap de la Näo
zur algerischen Küste; es ist dies eine stehende Welle in der Meeresbucht
zwischen Spanien und Nordafrika, wie solche stets in Meeresbuchten vorzu-
kommen pflegen. Auch die Periodendauer der freien Schwingung dieser Meeres-
bucht hat v. Sterneck berechnet, und zwar nach der in dieser Zeitschrift März
1911 angegebenen Methode.!) Mit allen Korrekturen ergibt sich eine Schwin-
gungsdauer der freien Schwingung zu 6.1 Stunden. Sie weicht von der 12-stün-
digen Gezeitenschwingung wesentlich ab. Diese kann also durch die Eigenperiode
der Bucht nicht verstärkt sein, sie ist jedenfalls eine reine erzwungene Schwin-
gung, Die Kleinheit der Hubhöhen in diesem westlichen Teil, die nur in der
Nähe der Straße von Gibraltar, wahrscheinlich unter Einfluß der kräftigen
Atlantischen Tiden, Werte nahe an 1 m erreichen, läßt diese Annahme gerecht-
fertigt erscheinen,
Es bleibt noch westlich der Knotenlinie das ganze große breite Becken
mit einer durchschnittlichen Hafenzeit von etwa 9%, v. Sterneck stellt sich
vorerst die Frage, ob sich das Gezeitenphänomen dieses Meeresteiles bei kon-
stantem Wasserquantum vollzieht oder ob ein periodisches Zu- oder Abfließen
nennenswerter Wassermassen wahrscheinlich ist,
Das westliche Mittelmeerbecken hat drei Einbruchstellen, Die Gibraltar-
straße und die Straße von Messina können wegen ihrer Enge keinen wesent-
lichen Einfluß ausüben; anders können die Verhältnisse bei der zwischen
Sizilien und Tunis liegenden Meerenge liegen, Die Hafenzeiten an der Südküste
Siziliens und Tunis zeigen das Bild einer Amphidromie, die sich um die kleine
Insel Pantelleria herumgruppiert; westlich von der Straße von Tunis herrscht
die Hafenzeit etwa 9b, östlich die Hafenzeit etwa 3b; das Sizilische Meer bildet
dann mit der sternförmigen Anordnung der Hafenzeiten den Übergang zwischen
beiden Becken,
Der Querschnitt der Meerenge zwischen Sizilien und Tunis (Cap Bon bis
Marsala-Mazzara) beträgt bloß 19.16 km?. Um in dem früher erwähnten Gebiete
mit einer Hafenzeit von etwa 9% eine Hebung der Wasserstände von 20 cm zu
erzielen, wäre ein Zufluß von 122,92 km* Wasser notwendig; zur Ermöglichung
der Gezeiten des westlichen Beckens gehört also ein periodisches Zu- und
Abfließen von 122.92 km? Wasser durch den Querschnitt von 19.16 km? innerhalb
6 Stunden. Bei gleichmäßiger Verschiebung würde der Gezeitenstrom in dieser
Meerenge über 1 km pro Stunde betragen. Dies ist eine sehr große Zahl und
ihre Annahme kann sicher begründete Bedenken erregen. Außerdem wäre dann
noch zu erklären, wie das zuströmende Wasser sich innerhalb der 6 Stunden
gleichförmig über die große Wasserfläche des ganzen Beckens ausbreitet,
Aus diesen Gründen muß man das periodische Zu- und Abströmen so
großer Wassermassen als sehr unwahrscheinlich bezeichnen. Es bleibt sodann
nur die Annahme, daß sich das Gezeitenphänomen in diesem großen Teil des
Beckens nahezu unter Konstanz des Wasserquantums abspielt. Die Beob-
achtungstatsachen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen drängen zu
dieser Annahme und lassen eben darum das Phänomen besonders interessant
erscheinen.
Bei konstantem Wasserquantum gibt es jedoch außer der gewöhnlichen
Schaukelbewegung von einem Rande zum anderen bei kreisförmigen Becken
1 Defant, Über die Periodendauer der Eigenschwingungen des Adriatischen Meeres.
Diese Zeitschr... März 1911.