Gadewohl, A.: Die Stabilität der Meeresströmungen im Nordatlantischen Ozean usw, 179
mechanische Strommittel liefert.!) Das Vorteilhafte dieser Methode ist die Er-
mittlung einer von Stromstärke und -richtung gleich abhängigen mittleren Strom-
richtung. Die resultierende Stromstärke entspricht den Tatsachen freilich nur
sehr wenig. Haben wir z. B. nach jedem Quadranten je eine Stromversetzung
von 20 Seemeilen notiert, so würde unter Umständen das mechanische Mittel als
Resultierende einen Betrag von 0 Seemeilen darstellen. Eine Stromstille ist
jedoch keineswegs beobachtet worden. Nun ist es doch vor allem wichtig zu
wissen, welche durchschnittliche Stromstärke überhaupt erwartet werden kann.
Empfehlenswert ist deshalb der Ausweg, daß man wohl die mittlere mechanische
Stromrichtung als solche gelten läßt, für die mittlere Stromstärke aber das
arithmetische Mittel angibt.
An dieser Stelle sei bereits erwähnt, daß in den vom Königl. Nieder-
ländischen Institut herausgegebenen Werken Nr. 95 und Nr. 104 kartographisch
die resultierenden Geschwindigkeiten Anwendung gefunden haben. Die wirklichen
mittleren Stromstärken sind also nicht ersichtlich. Die resultierenden Strom-
stärken nähern sich diesen mit der Länge des Pfeiles,
Bei Betrachtung des soeben erwähnten Beispieles fällt sofort die Divergenz
der Azimute in den Stromversetzungen auf, Es ist ersichtlich, daß eine Strom-
darstellung, die sich auf Angabe der mechanischen Stromrichtung und des
algebraischen Mittels der Stromstärke beschränkt, den Stromcharakter nicht
genügend kennzeichnet. Das Beispiel fordert direkt dazu heraus, auch der Un-
stetigkeit des Stromes Ausdruck zu geben. Hierzu erscheint am geeignetsten,
die abhängig von der Richtung gefundene resultierende Stromstärke mit der
unabhängig von der Richtung berechneten arithmetischen Stromstärke in Be-
ziehung zu setzen.. Dadurch wird ein neuer Faktor für den Stromcharakter ge-
schaffen. Ehe wir nun auf diesen Faktor, den wir als Beständigkeit oder
Stabilität bezeichnen, eingehen, haben wir noch kurz eine Entwicklung der
Kartographie in der Meereskunde, soweit sie in den Rahmen dieser Arbeit hinein-
gehört, nachzuholen.
Die Entwicklung der Kartographie der Strömungen in der Meereskunde.‘)
Die Kartographie der Meeresströmungen ist nicht sehr alt. Vor dem
17. Jahrhundert finden wir keine Karte, die den Anspruch auf eine wirkliche
Seekarte machen dürfte. Unter Karte verstand man schlechtweg eine Landkarte,
Mit der Grenze des festen Landes hatte auch die Karte ihre Grenzen erlangt.
Die großen Meere waren dem Geographen lediglich Länderscheiden, die keine
weitere Aufmerksamkeit verdienten. Die sogenannten Seekartenwerke beschränkten
sich auf eine Darstellung und genauere Festlegung der Landgrenzen nach der
offenen See zu. Beschreibungen von Meeresküsten, Vorgebirgen, Kaps, Sand-
bänken, Untiefen, Klippen usw. sind ihr Inhalt. Sie kennen nichts von Ebbe und
Flut, von warmem und kaltem Wasser, von günstigen und ungünstigen Meeres-
strömungen. Die Kenntnis einer Oberflächenzirkulation des Wassers in den Welt-
meeren wird erst Gemeingut nach der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch
die ersten Strömungskarten von Kircher®) und Happelius.*) Das Wesen der
Strömungen wird zunächst durch Worte festgelegt. Die Verwendung des Pfeiles
als Symbol für die Bewegungsrichtung des Wassers finden wir zum ersten Male
1739 auf einer anonymen Londoner Karte. Dem nächsten Fortschritt in der
Kartographie begegnen wir auf den Karten von Benjamin Franklin (1770),
der den Pfeilen Geschwindigkeitsangaben in Ziffern zusetzt. Franklin ist es
auch, der die Bedeutung der Wassertemperaturen für die Festlegung von
l) Näheres siehe Breusing: »Steuermannskunst«, S. 93 ff,
2) Unter teilweiser Benutzung von: Krümmel, Handbuch II, S, 415 ff; Martha Krug-
Genthe: »Die Kartographie der Meeresströmungen in ihren Beziehungen zur Entwicklung der Meeres-
kunde . . ., dargestellt am Beispiel des Golfstroms«, »Deutsche geographische Blätter« 1901, Bd, 24.
Heft 3 und 4.
3) Mondus subterraneus. Amsterdam 1678,
4) Relationes euriosae. Hamburg 1685.