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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

Kohlschütter, E.: Die internationale Zeitkonferenz zu Paris vom 15. bis 23. Oktober 1912, 659 
werden jedoch .reisende Geographen. und Erkundungs-Expeditionen, die geo- 
graphische Ortsbestimmungen auszuführen haben, von derartigen Signalen ziehen. 
Denn bisher konnten in unvermessenen Ländern Bestimmungen der geographischen 
Länge nur durch Mondbeobachtungen ausgeführt werden, die zu ihrer Aus- 
wertung umständlicher Rechnungen bedürfen, und .deren Genauigkeitsgrad sehr 
viel zu wünschen übrig läßt. Dies hat dazu geführt, daß viele Expeditionen 
von vornherein auf die Bestimmung der Länge verzichtet haben. Die notwendige 
Folge waren starke und unkontrollierbare Verzerrungen der Marschrouten und 
der darauf aufgebauten Karten in ost-westlicher Richtung. Mit Hilfe der inter- 
nationalen Funken-Zeitsignale, die nach und nach den ganzen Erdball umspannen 
werden, wird jeder Reisende in der Lage sein, olıne Schwierigkeit‘ auch die 
Länge seines Beobachtungsortes zu. bestimmen. Das Unsinnige, das in der 
Beschränkung auf die Bestimmung nur einer Koordinate liegt, wird nunmehr 
verschwinden und die geographische Ortsbestimmung wirklich zu dem werden, 
was ihr Name anzeigt, nämlich zu der Bestimmung eines Ortes, die eben nur 
durch Angabe seiner beiden Koordinaten erfolgen kann. 
Für die Astronomie liefern. die wissenschaftlichen Signale die Möglichkeit 
von Arbeits-Erleichterungen,‘ Heutzutage gilt: es als. eine:. Hauptaufgabe einer 
jeden Sternwarte, Zeit zu machen. Dies erfordert allerlei Hilfsmittel instrumenteller 
Art sowie Zeit- und Arbeitsaufwand des Personals. Die Funken-Zeitsignale 
geben hier nun ‘die. Möglichkeit einer Arbeitsteilung und damit eines Zeit- 
yewinnes. Nur wenige besonders dazu ausgerüstete Sternwarten besorgen die 
Zeitbestimmungen und die Kontrolle der wissenschaftlichen Funken-Signale. Die 
übrigen ermitteln die Stände ihrer Uhren nur aus den Signalen und gewinnen 
dadurch Zeit und Arbeitskräfte für andere Aufgaben. Die Genauigkeit der Zeit- 
angaben dürfte bei diesem Verfahren nicht geringer sein als jetzt, sondern eher 
größer, denn die internationalen Verbesserungen der Signale werden aus einer 
viel größeren Anzahl von Uhren und Beobachtungen abgeleitet werden, als dies 
einer einzelnen, noch dazu nicht immer auf das Beste ausgerüsteten Sternwarte 
möglich ist. Ein Vergleich wird das Gesagte noch besser erläutern. Die Voraus- 
berechnung der . Gestirnsephemeriden. wird dem einzelnen Astronomen durch 
besonders dafür eingerichtete Recheninstitute abgenommen. . Diese Rechen- 
institute haben zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen derselben Rechnung 
ein internationales Übereinkommen getroffen, wonach sie die Ergebnisse ihrer 
Arbeiten gegenseitig untereinander austauschen. In ähnlicher Weise wird es 
möglich sein, die Wiederholung der gleichen und an und für sich sogar unproduktiven 
Arbeit, die die Ausführung von Zeitbestimmungen auf jeder einzelnen Sternwarte 
darstellt, mit Hilfe der wissenschaftlichen Funken-Zeitsignale zu vermeiden, 
Eine Reihe von Sternwarten kann dadurch entlastet werden, was ihren produk- 
tiven Arbeiten zugute kommen wird. 
Schließlich werden für die höhere Geodäsie Vorteile von einer internationalen 
Organisation der’ Zeitsignale erwartet. Die Bewegung der Erdachse, die bisher 
nur ‚durch Breitenbestimmungen verfolgt werden konnte, wird sich mit Hilfe der 
funkentelegraphischen Signale auch in ihrer Wirkung auf die Änderungen der 
Längendifferenz zweier Beobachtungsorte untersuchen lassen, Man wird daraus 
Schlüsse über die Natur und ‚die Ursache dieser Erscheinung ziehen können, 
worüber noch große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Auch dürften inter- 
nationale Funken-Signale die Anlegung von Laplaceschen Punkten sehr erleichtern, 
die bei der Berechnung .der Krümmung des Geoids und damit weitergehend 
auch für die Ableitung der Gestalt und Größe der Erde eine grundlegende 
Rolle spielen, + 
Faßt man alles dies zusammen, so ergibt sich, daß die geplante inter- 
nationale Organisation einen Wirkungskreis findet, in dem sie sowohl für das 
praktische.Leben wie für. die. Wissenschaft Nutzen zu bringen verspricht. Man 
kann . daher nur wünschen, .daß sie. möglichst bald durch Übereinkunft der 
Staatsregierungen tatsächlich in das Leben. gerufen werden möge, Die Vor- 
arbeiten hierfür sind bereits von dem provisorischen Ausschuß, von dem in 
Nr. 20 der Konferenzbesechlüsse die Rede ist..in Angriff genommen worden. Er 
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