650 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1912,
französisch, englisch und deutsch, abgedruckt istl). Er enthält auch bereits die
Anregung zur Bildung eines internationalen Ausschusses zu diesem Zwecke.
Wohl infolge des Erscheinens in einer rein technischen Zeitschrift blieb dieser
Aufruf in Deutschland in den Kreisen der Astronomen und Nautiker, die das
vrößte Interesse an den Funken-Zeitsignalen haben, unbekannt. Daher konnte
es geschehen, daß der frühere Direktor der Berliner Sternwarte, Geheimrat Förster,
yanz unabhängig von dem Vorgehen Tissots im Jahre 1910 mit dem Plane
einer Internationalisierung des Zeitdienstes mit Hilfe von Funken-Zeitsignalen
an die beteiligten Behörden herantrat, Daß diese beiden, einander sehr ähnlichen
Gedanken nahezu gleichzeitig an zwei verschiedenen Stellen ohne gegenseitige Beecin-
Mussung auftraten, kann als ein Zeichen für die Notwendigkeit ihrer Durchführung
angesehen werden. Auch die starke, allseitige Beteiligung an der von der fran-
zösischen Regierung einberufenen Konferenz spricht dafür oder wenigstens für das
Interesse, das den Funken-Zeitsignalen allseitig entgegengebracht wird.
Während von Norddeich nur eine Art von Zeitsignalen gegeben wird,
wird bei den Signalen des Eiffelturms bereits jetzt zwischen gewöhnlichen
Signalen und solchen zu wissenschaftlichen Zwecken unterschieden. Die ersteren
bestehen aus je einem in Pausen von zwei Minuten dreimal wiederholten ein-
zeinen Punkt; sie sind kürzlich von dem Vorstand des Kaiserlichen Observatoriums
zu Wilhelmshaven, Korvettenkapitän a. D. Capelle in den »Annalen der Hydro-
graphie« beschrieben und mit den Norddeicher Signalen verglichen worden“). Die
wissenschaftlichen Signale sind dagegen eine drei Minuten anhaltende Reihe von
Punkten, die in Zwischenräumen von nahe einer Sekunde aufeinanderfolgen. Die
Pausen sind so bemessen, daß die Punkte wenigstens einmal innerhalb drei
Minuten mit den Schlägen einer Sekundenuhr eine Koinzidenz bilden. Diese
Signale werden zu Uhrvergleichungen zwischen der Pariser Sternwarte und den
französischen Provinz-Sternwarten, sowie zu genauen Längenbestimmungen benutzt.
Die Konferenz hat den Unterschied zwischen gewöhnlichen und wissen-
schaftlichen Zeitsignalen festgehalten, da die an die beiden Arten von Signalen
gestellten Anforderungen gänzlich verschieden sind, und daher auch eine unter-
schiedliche Behandlung angezeigt war.
Die für Seefahrer, Uhrmacher usw., kurz für das praktische Leben be-
stimmten gewöhnlichen Signale erfordern geringere Genauigkeit, etwa *,®
Dafür muß diese Genauigkeit aber bei jedem einzelnen Signal gewährleistet
sein, da der Seemann die Verbesserung des Standes seines Chronometers sofort
yebraucht, und es ihm nichts nützt, wenn er erst einige Tage oder Wochen
später erfahren würde, daß an dem und dem Tage sein Chronometer den und
den Fehler gehabt hat. Bei den Signalen zu wissenschaftlichen Zwecken da-
gegen ist die höchste erreichbare Genauigkeit anzustreben. Dagegen ist die
Kenntnis der richtigen Zeit nicht unmittelbar im Anschluß an das Abhören des
Signals erforderlich. Dem Astronomen und Geodäten genügt es, wenn er nach
einigen Tagen oder Wochen erfährt, daß das von ihm benutzte Signal um einen
bestimmten Betrag fehlerhaft war. Bei der Ableitung der Ergebnisse seiner Beob-
achtungen, die sowieso immer längere Zeit beansprucht und daher nicht sofort nach
der Beobachtung erfolgen kann, vermag er auf den ihm nachträglich bekannt ge-
wordenen Fehler des von ihm benutzten Zeitsignales gebührende Rücksicht zunehmen.
Ein weiterer Umstand kommt hinzu. Die wahrscheinlichste Verbesserung
eines Zeitsignals kann überhaupt gar nicht sofort angegeben werden, sondern
erst dann, wenn der Stand der benutzten Uhr nachträglich wieder mit dem
) Der Gedanke wurde von Bouquet de la Girve dahin erweitert, daß Zeitsignale nur von
einer einzigen internationalen (jebestelle gefunkt werden sollten, die jedoch so stark sein müsse, dal
re Signale auf der ganzen Erdoberfläche wahrgenommen werden können. Als Ort dieser Station
war entweder Teneriffa vorgesehen, wo der Vik selbst als gigantischer Autennenmast «dienen sollte,
«ler die französische Sencgal-Kolonie, wo auf dem flachen Sandstrand von Guetn’dar eine Antennen-
anlage von 6 km Länge erbaut werden sollte, Bouquet de la Grye, —: Dötermination de Theure,
sur terre et sur mer, A Taide de la tEl6xraphie sans fil. .Vomptes Rendus:, Tome 146, p, 671
Paris, mars 1908.
?) Capelle, H.: Die radiotelegraphischen Zeitsignale der Funkenstation Norddeich, Annalen
ler Hrdrographie und maritimen Meteorolozie«, 40. Jahre., N. 420, August 1912.