Kohlschütter, E.: Die internationale Zeitkonferenz zu Paris vom 15.. bis 23, Oktober 1912. 649
Die internationale Zeitkonferenz zu Paris vom 15. bis 23. Oktober 1912.
Von Admiralitätsrat Professor Dr. E, Kohlschütter.
Eine internationale Zeitkonferenz hat in den Tagen vom 15. bis 23. Ok-
tober d. J. in der Sternwarte, zu Paris stattgefunden. Die Konferenz war von
der französischen Regierung auf Veranlassung des Bureau des Longitudes zu-
sammenberufen worden, um die Möglichkeiten zur Verbesserung der funken-
telegraphischen Zeitsignale zu erörtern. und die Grundlagen eines internationalen
Abkommens zur Vereinheitlichung der Zeit zu beraten. Die meisten Kultur-
staaten waren auf der Konferenz vertreten; aus Deutschland hatten das Reichs-
amt des Innern, das Reichs-Marine-Amt, das Reichs-Postamt, das Preußische und
das Sächsische Kultusministerium und der Hamburgische Senat Vertreter ent-
sandt. Welche Wichtigkeit der Konferenz beigelegt wurde, geht daraus hervor,
daß sie von dem Minister des öffentlichen Unterrichts in Person eröffnet, und
daß die Vertreter der beteiligten Staaten von dem Präsidenten der französischen
Republik in einer Sonderaudienz empfangen wurden,
Die ersten funkentelegraphischen Zeitsignale wurden in Canada eingeführt.
Seit 1907 werden sie von der Funken-Telegraphen-Station Camperdown bei
Halifax abgegeben. Die richtige Zeit wird der Gebestelle vom Observatorium
in St. John N. Br. übermittelt. Sehr bald folgten darauf Signale in den Ver-
einigten Staaten. Sie. werden nach den Zeitangaben des Naval Observatory in
Washington von der Funken-Telegraphen-Station Arlington ausgesandt. Für die
Ostseite des Atlantic waren solche Signale seitens des Reichs-Marine-Amts bereits
seit 1906 geplant'). Ihre Aus[ührbarkeit wurde im gleichen Jahre durch Ver-
suche festgestellt. Die Inbetriebnahme der Einrichtungen, die die selbsttätige
Abgabe der Signale durch die Großstation Norddeich nach den Zeitangaben des
K, Marine-Observatoriums. in Wilhelmshaven ermöglichen, konnte jedoch infolge
widriger, Umstände erst 1910 erfolgen.
Im gleichen Jahre, jedoch etwas später als Norddeich, begann auch die
Großstation des Eiffelturms in Paris Zeitsignale nach den Zeitbestimmungen der
Pariser Sternwarte zu funken, nachdem das Bureau des Longitudes und die
Academie des Sciences zu Paris im Jahre 1908 dahingehende Beschlüsse gefaßt.
hatten?). .
Ursprünglich waren alle diese Signale nur für die Schiffahrt bestimmt
gewesen. Bald wurden sie aber auch von wissenschaftlichen Anstalten, meteoro-
logischen, seismischen, erdmagnetischen und ähnlichen Instituten, von Uhr-
machern und auch Privatpersonen benutzt und dankbar begrüßt. Dabei stellten
sich zwischen den Signalen der verschiedenen Stationen Unterschiede heraus,
deren Betrag nicht zu vernachlässigen war. Ferner wurde die Verschiedenheit
der Signale der einzelnen Stationen als Unbequemlichkeit empfunden, da sie
jedesmal ein zeitraubendes Suchen nach dem von der betreffenden Station an-
gewandten Schema nötig machte. Die rasche Aufeinanderfolge der Norddeicher
und der Pariser Signale (anfangs begannen: die ersteren sogar, während die
letzteren noch nicht beendet waren) erschien wenig zweckmäßig. Alles dies
machte eine internationale Aussprache und einheitliche Regelung wünschenswert.
Der Gedanke einer solchen internationalen Verständigung war bereits zur
Zeit, als die Norddeicher und Pariser Einrichtungen noch in der Ausführung
begriffen waren, von dem französischen Fregatten-Kapitän. C. Tissot geäußert
worden, Er hatte im Januar 1908 dem Bureau des Longitudes einen Aufruf zur
internationalen Regelung der funkentelegraphischen Zeitsignale unterbreitet, der im
Jahrbuch für drahtlose Telegraphie Band 2, Heft 5 im Jahre 1909 in drei Sprachen,
—, —? Zeitsignale durch Funkentelegraphie. »Hansa«, Deutsche Nautische Zeitschrift,
44. Jahrg., 8. 189. Hamburg, April 1907. In dieser Mitteilung ist bereits der Wunsch nach einer
näher am Atlantischen Ozean gelegenen Gebestelle tür Funken-Zeitsignale geäußert worden, der durch
die Einrichtung der Eiffelturm-Signale später erfüllt worden ist. Bei Abfassung der Mitteilung habe
ich allerdings nicht an den Eiffelturm, sondern an eine der großen englischen Stationen gedacht.
?) Rapport fait au nom de la Commission de la tEl6graphie sans fıl de l’Academic des Seienecs
par M. Bouquet de la Grre. »Comptes Rendus«, Tome 147, p. 818. Paris, novembre 1908.