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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

616 . Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1912. 
dem Bilde des Objektes selbst, wenn dasselbe von einem Punkte E aus photo- 
graphiert worden wäre, der ebensoweit unter dem Wasserspiegel liegt, wie der 
wirkliche Standpunkt der Aufnahme, D, über demselben, denn Objekt und 
Spiegelbild sind bekanntlich bei einer ebenen Spiegelfläche vollständig sym- 
metrisch zu dieser. Aus der Figur geht auch klar hervor, daß BDC und BEA 
kongruent sein müssen, denn bei einer Drehung des oberen Teils der Figur um 
die Linie BF müßte A auf C, D auf E fallen, so daß BDC und BEA sich decken 
würden. Der Fall liegt demnach genau so, als ob eine photographische Auf- 
nahme des Objekts AB von D und eine zweite, achsenparallele, von E aus 
gemacht worden wäre. Da sich die Bestimmung der Höhe von D über der 
Wasserfläche bei jedem Schiff leicht ausführen läst, so ist auch die doppelte 
Länge dieser Strecke und damit die Basislinie der stereophotogrammetrischen 
Aufnahme bekannt. Wir haben also in unserer Bild-Spiegelbild-Photographie die 
gleichen Verhältnisse, wie bei einer gewöhnlichen Stereoaufnahme mit der Stand- 
linie DE. Die ungewohnte vertikale Stellung der Basislinie dürfte zwar bei der 
stereophotogrammetrischen Ausmessung der Platte einige Unbequemlichkeiten 
bereiten, die aber leicht zu überwinden sein dürften, 
Derartige Betrachtungen sind schon früher mehrfach angestellt worden‘), 
ohne daß jedoch meines Wissens die Methode bisher zur Anwendung gekommen 
wäre. Daß man bisher noch nicht ernstlich versucht hat, die Reflexionsmethode 
bei der Küstenvermessung zu verwerten, liegt vermutlich daran, daß das Meer 
meist etwas bewegt ist und nur selten eine so vollkommene Spiegelfläche ab- 
gibt, daß ruhige und scharfe Spiegelbilder beobachtet werden können, Bei be- 
wegter See aber, ja schon bei einer leichten Kräuselung der Wasserfläche läßt 
sich die Methode nicht verwenden. Dagegen wird sie vor allen Dingen dann 
gute Dienste leisten, wenn es sich nicht um die Erzielung weitgehender Genauig- 
keit handelt, sondern wenn es unter schwierigen äußeren Verhältnissen auf ein- 
faches Manipulieren und schnelles Arbeiten ankommt. Geradezu unersetzlich ist 
daher diese Art der Küstenvermessung überall da, wo wenig geschultes Personal 
vorhanden ist, oder wo die ziemlich kostspieligen Instrumente und Einrichtungen 
für stereophotogrammetrische Küstenaufnahme an Bord fehlen. Diese eben 
geschilderten Verhältnisse treffen häufig auf Forschungsexpeditionen zu, bei 
denen vorläufige Aufnahmen bis dahin unbekannter Küsten, deren Entdeckung 
allerdings heutzutage wohl nur noch innerhalb der Polargebiete zu erwarten 
ist, von allergrößtem Wert sind. Dort aber findet man auch die Bedingung 
einer ruhigen, spiegelnden Meeresoberfläche viel häufiger erfüllt, als wohl all- 
gemein bekannt zu sein scheint. Das in den Küstengewässern schwimmende Eis 
dämpft nämlich die Wellenbewegung so beträchtlich, daß scharfe Spiegelbilder 
der Küsten, die allerdings einzelne, durch das Treibeis verursachte Lücken auf- 
weisen, häufig beoachtet werden können. Daß solche Lücken trotzdem die 
Anwendung der Methode nicht zu verhindern brauchen, beweist die eingangs 
erwähnte Photographie der schwedischen Südpolarexpedition. Die Höhe des 
Aufnahmestandpunktes über dem Meeresspiegel läßt sich bei spiegelglatter See 
stets ohne Schwierigkeit mit ausreichender Genauigkeit bestimmen, und gerade 
bei Polarschiffen bietet die Ausguck-Tonne am Mast einen genügend hohen 
Standpunkt. Bei dem deutschen Südpolarschiff »Gauss« lag z. B. deren Ober- 
kante etwa 832.7 m über dem Wasserspiegel, was eine Standlinie von 65.4 m 
ergibt, eine für provisorische Vermessung einer nahen Küste völlig ausreichende 
Distanz. Weit entfernte Küsten aber kommen sowieso aus verschiedenen 
Gründen nicht in Betracht, Einmal weil die Wahrscheinlichkeit einer glatten 
Meeresoberfläche ohne Wellenkräuselung oder Dünungsbewegung mit zu- 
1) E, DoleZal: Photogrammetrische Lösung des Wolkenproblems aus einem Standpunkt 
bei Verwendung der Reflexe. Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Math. 
naturwiss. Klasse Abt. IIa, Wien, 1902, Band 111, Seite 785 bis 813. Mit 1 Tafel. 
C. Pulfrich: Uber die stercoskopische Betrachtung eines Gegenstandes und seines Spiegel- 
bildes. Zeitschrift für Instrumentenkunde, Berlin, 1905, Bd. 25, Seite 93 bis 96. 
K. Zaar: Spiegelphotographie und ihre Auswertung zu Messungszwecken, Kine photo- 
grammetrische Studie. Internationales Archiv für Photogrammetrie, Wien, 1912, Bd. 3, Seite 96 bis 105.
	        
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