Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1912,
Inzwischen aber haben unsere Kenntnisse vom Relief des Meeresbodens
so große Fortschritte gemacht, daß es als ein aussichtsvolles Unternehmen er-
scheinen mußte, auf der Grundlage des inzwischen angesammelten Materials
neue Karten der Meerestiefen zu konstruieren. Seitens des Direktors des Instituts
für Meereskunde zu Berlin, Geheimen Regierungsrats Prof, Dr. Penck, wurde
daher der Kartograph dieses Instituts, Lektor Dr. Groll, mit der Bearbeitung
neuer Tiefenkarten betraut, für welche gleichzeitig auch die Fortschritte, welche
die Kartenprojektionslehre neuerdings gemacht hatte, nutzbar gemacht werden
sollten. Wenngleich im wesentlichen das in Seekarten und anderen Publikationen
gedruckt vorliegende Material zur Konstruktion der Karten dienen mußte,
konnte doch durch das Entgegenkommen der Deutschen Seewarte, der Nord-
deutschen Seekabelwerke, sowie der Herren Professor O0. Nordenskjöld,
Dr. P. Hambruch und Professor G, Schott weiteres, noch nicht veröffentlichtes
Material benutzt werden.
In jahrelanger, mühevoller Tätigkeit hat Herr Dr. Groll die enorme
Arbeit geleistet, etwa 15000 Tiefenzahlen auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen
und sie nach bestandener Probe zur Konstruktion seiner Karten zu verwenden,
die soeben als offizielle Publikation des Instituts für Meereskunde erschienen
sind, begleitet von einem erläuternden Text, dem ein umfangreiches Literatur-
verzeichnis beigegeben ist.
Als Maßstab der Karten, die sämtlich in flächentreuen Projektionen entworfen
sind, ist das Verjüngungsverhältnis 1:40 000000 gewählt worden, da eine
handliche Größe nicht überschritten werden sollte. Die Längendifferenz des
Meridiangrades eines Erd-Ellipsoids und einer Erdkugel erreicht bei diesem
Maßstab nicht 0.02 mm, so daß es möglich war, die Abweichung der Erdfigur
von der Kugelgestalt zu vernachlässigen und bei der Berechnung des Gradnetzes
und der Koordinatentafeln einen einheitlichen Erdradius von 6370289 m zu-
grunde zu legen. 8
Die Genauigkeit bei dem Entwurf des Gradnetzes konnte trotz größter
Sorgfalt nicht unter 0.2 mm heruntergedrückt werden. Mängel der Konstruktion,
Einfluß der Papierverzerrung, Ungenauigkeiten des Stechers beim Gravieren
und andere Fehlerquellen summieren sich gelegentlich sogar zu Abweichungen
von 0,3 bis 0.5 mm, doch dürften solche extremen Werte zu den Ausnahmen
gehören, bei denen alle Abweichungen gleichsinnig sind, während man in
Wirklichkeit meist eine gewisse Ausgleichung der verschiedenen Fehlerquellen
annehmen kann,
Die Übersichtlichkeit der Karten wird durch eine glückliche Wahl der
Farbengebung sehr gefördert. Die Schelfsee unter 200 m Tiefe hebt sich durch
ein hellbraunes Kolorit noch deutlich von dem dunkleren Lande, besonders
wirkungsvoll aber von der blauen Farbe der tieferen Meeresteile ab, die in
Stufen von je 1000 m getönt sind. Die Stufe zwischen 6000 und 7000 m hat
durch Überdruck des blauen Flächenkolorits mit roten Schraffen eine violette
Färbung erhalten, die von 7000 bis 8000 m durch Fortlassen des blauen Flächen-
kolorits einer hellroten, zwischen 8000 und 9000 m durch Doppelschraffur einer
dunkleren Färbung und über 9000 m hinaus einem kräftigen zinnoberroten
Flächenkolorit Platz macht,
Besonders mühsam gestaltete sich die Eintragung des Karteninhalts, Da
die Lage der benutzten Lotungen durch Punkte mit daneben geschriebener
Tiefenzahl markiert werden mußte, so war es untunlich, vorhandene Seekarten
direkt als Vorlagen zu benutzen, weil aus diesen die Positionen der Lotungen
nicht genau genug entnommen werden konnten. Es mußten vielmehr einzelne,
für diesen Zweck besonders geeignete Seekarten ausgewählt werden, die als
Arbeitskarten dienten, in welche nun die einzelnen Lotungen eingetragen wurden,
die in den Publikationen ozeanographischer Expeditionen und laufenden Ver-
öffentlichungen niedergelegt sind. Hier vor allem hatte die wissenschaftliche
Kritik einzusetzen, um abweichende Angaben zu rektifizieren, die Zuverlässigkeit
der jeweils angewandten Lotungsmethoden zu beurteilen, die Herkunft von
Lotungsangaben zu ermitteln und andere Prüfungen vorzunehmen. Mit Recht