Plassmann, J.: Beobachtung der neutralen Punkte der atmosphärischen Polarisation, 481
sphäre des ganzen Erdballs stark mit solcher Materie durchsetzt; außergewöhn-
liche Dämmerungserscheinungen, leuchtende Nachtwolken, das fast völlige Ver-
schwinden des verfinsterten Mondes im Oktober 1884 und im Oktober 1902 sind
die bekanntesten Folgen. Sehr lebhaft haben die neutralen Punkte auf diese
Störungen reagiert, besonders nach den Feststellungen von Busch. Da nun
manche Dampferlinien recht nahe an größeren tätigen Vulkanen vorbeiführen,
ist gelegentlich gerade für den Seemann noch wohl Bemerkenswertes zu finden.
Weil wir durch ausführliche Besprechung dieser Dinge den uns zukom-
menden Raum ebensosehr überschreiten müßten wie durch die Erörterung der
bezüglichen Abschnitte aus der theoretischen Optik, so gehen wir wieder zu der
einfachen Betrachtung der mit dem Polariskop wahrzunehmenden Erscheinungen
über. Etwas weniger leicht als Aragos n. P. ist der nach Babinet benannte n, P.
sichtbar, der über der Sonne selbst liegt in einem Abstande, der etwas geringer
ist als die vorhin angegebenen, wie folgende wieder aus unseren Messungen
hervorgehende Reihe zeigt:
1 h6 = +29°6 +1°3 4+0°%.3 —0°3 —09%,8 —1°%5 —1°.9 —29°5 —39,4 —49,1 —49,8 69,4
Ab-— 1494 16°%0 16%4 16°8 16%6 16°2 17°%2 18°%9 17°%0 21°%3 20°%0 2394
Ein dritter Punkt, der nach Brewster benannt wird, ist sehr schwer zu
beobachten, da er im Sonnenvertikal unter der Sonne liegt, In den Tropen
dürfte er bei hohem Sonnenstande etwas leichter zu finden sein. Für die regel-
mäßige Beobachtung handelt es sich fast nur um die Punkte von Arago und Babinet,
Nun 1äßt sich, wenn man die Zeit und die Breite kennt, die Sonnenhöhe
durch eine Rechnung feststellen, für die dem Seemann bekanntlich Tafeln zur
Verfügung stehen. In der Tat beobachtet man an Land nicht etwa die Sonnen-
höhe selbst und die des n, P., um den Unterschied als A\a oder Ab aufzuschreiben;
vielmehr. beobachtet man nur die Höhe des n. P. mit dem Pendelquadranten,
hält also das Instrument, wie es in Figur 1 dargestellt ist, so, daß man über
den Draht und den oberen Rand des Nadelkopfes weg den n. P. trifft; man
stellt dann den Stand der -Alhidade und gleichzeitig die Angabe der Taschenuhr
fest, wobei man die Zehntelminute nach der Sekundenuhr beobachtet, Zeit und
Punkthöhe werden nebst den etwaigen Wetternotizen aufgeschrieben, und alles
Sonstige ist Sache der Rechnung. Auf die atmosphärische Strahlenbrechung
wird keine Rücksicht genommen; auch nicht, wie der Strenge halber noch be-
merkt werden muß, auf die Parallaxe der Sonne, deren Größe ja weit innerhalb
der Fehlergrenzen der Beobachtung bleibt. Man arbeitet also einfach mit der
aus der reinen sphärischen Rechnung hervorgehenden Sonnenhöhe, Natürlich
ist man nicht gehindert, zwischen den Beobachtungen, die man an einem Abende
über die Lage der neutralen Punkte macht, einzelne Sonnenhöhen mit dem
Sextanten zu nehmen und sie für Strahlenbrechung zu verbessern.
Tut man das nicht, so muß man jedenfalls den Schiffsort sehr gut kennen.
Gewiß ist die einzelne Messung der Höhe eines n. P. mit einem Fehler behaftet,
der größere Bruchteile des Grades erreichen kann. Die Uhrzeit läßt sich aber
leicht so sorgfältig ablesen, daß ein Fehler von 0min,3 nicht wesentlich überschritten
wird; dieser mag ja vorkommen, da die Beobachtung selbst, besonders wenn sie
etwas schwieriger ist, eine gewisse Zeit erfordert. Der angegebene Uhrfehler
bedeutet in den Tropen noch nicht einen Zehntelgrad für die Sonnenhöhe, ander-
wärts noch weniger. Kennte man dagegen z. B. die Breite des Schiffsortes sehr
genau, beobachtete aber die Polarisation nach der Greenwicher Uhr und ver-
besserte die Zeiten nachher für den Längenunterschied, so würde man die Be-
obachtung mit dem Fehler dieses Unterschiedes belasten, der unter Umständen
größer sein kann als der der Uhrablesung. Doch ist dies kaum zu befürchten;
denn die Messungen der Höhe der neutralen Punkte lassen. sich überhaupt nur
bei sehr klarem Himmel mit Nutzen ausführen, und da wird ja schon aus anderen
Gründen die Ortszeit in bekannter Weise ermittelt. .
Benutzt man Höhentafeln, so kann man sich wenigstens in mittleren und
niederen. Breiten der Tatsache erinnern, daß der Auf- und Untergangspunkt
der Sonne niemals allzuweit vom ersten Vertikal abstehen, wo bekanntlich ein
kleiner Polhöhenfehler einen nur geringen Einfluß auf die Sonnenhöhe hat.
Ann. d. Hydr. usw. 1912, Heft IX.
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