Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1912.
D. Die Windgeschwindigkeit.
1. Die Beobachtungen mittels Pilotballone.
Leider können wir aus den vorliegenden Beobachtungen für die Geschwin-
digkeit des Windes in den höheren Schichten über den Ozeanen noch weniger
als für die Richtung ein einwandfreies Resultat erwarten, da die Pilotaufstiege
von den Schiffen aus nicht regelmäßig, nicht täglich oder in bestimmten Zeit-
abständen gemacht worden sind, sondern zu ganz verschiedenen Zeiten in Ab-
hängigkeit vom Wetter. An sehr stürmischen Tagen und an Tagen mit niedrigen
Wolken können keine Pilotaufstiege mit Erfolg gemacht werden; die Ballone
verschwinden zu schnell in der Dunstschicht des Horizonts oder in den Wolken,
Es bleibt also die Frage vollständig unbeantwortet, ob an solchen Tagen mit
niedrigen Wolken und starken Unterwinden andere Windverhältnisse in der
Höhe herrschen, als an den übrigen Tagen. Alle Mittelwerte, die wir aus unseren
Beobachtungen nehmen, bleiben daher bis zu einem gewissen Grade einseitig;
unsere Beobachtungen stellen eben nur eine Auswahl dar. Andrerseits
muß aber hervorgehoben werden, daß wir es mit Beobachtungen aus ziemlich
niedrigen Breiten (zwischen 30° N und 30° $) zu tun haben, wo die Witterung
im allgemeinen weit gleichförmiger ist als in höheren Breiten, und daß ferner
die Beobachtungen von Segelschiffen aus gewonnen worden sind, wo Schiffskurs
und Wind niemals die entgegengesetzte Richtung hatten, so daß wohl öfter das
Verschwinden des Ballons in den Wolken, als eine zu große Windgeschwindig-
keit den Visierungen ein Ende machte. Für Aufstiege von Dampfern, die
an einen festen Weg gebunden sind, liegen die Verhältnisse ungünstiger.
Bei den älteren von Köppen bearbeiteten Aufstiegen war dies der Fall, so daß
dort im Mittel nur 2.7 km Höhe erreicht wurden, während die neueren
Aufstiege fast doppelt so hoch verfolgt werden konnten. Die höchsten
Ballonbeobachtungen auf den Meeren würde uns naturgemäß ein schneller Dampfer
liefern können, der weder an Weg noch an Zeit gebunden ist, allerdings unter
der Voraussetzung, daß der Himmel bis zu großen Höhen wolkenfrei ist; sonst
müssen eben andere Methoden, z. B. Drachen verwendet werden, die uns
auch bei bedecktem Himmel bis zu einem gewissen Grade Auskunft über die
Windverhältnisse oberhalb der Wolken, wenn auch nur bis zu beschränkten
Höhen, bis 5 oder 6 km, zu verschaffen vermögen.
Wie schon Seite 458 hervorgehoben wurde, ist es nicht uninteressant, die
Windstärke-Schätzungen an Bord mit den Beobachtungen in der untersten
200 m-Schicht, also mit der für rund 100 m Höhe berechneten Geschwin-
digkeit zu vergleichen. Wir wollen dies nunmehr tun und dabei die Tabelle
der mittleren Windgeschwindigkeiten (Tab. 4) zugrunde legen,
Aus den Geschwindigkeitszahlen für M,,, für alle Aufstiege, sehen wir, daß
die Abweichung der Beobachtung in 100 m Höhe von der Schätzung unten gleich
null ist; in beiden Fällen beträgt die Geschwindigkeit 5.0 m p. Sek. In 500 m Höhe
haben wir 6.3 m p. Sek. Nehmen wir die Beobachtungen in 500 m und 100 m
Höhe als richtig an, so kämen wir bei proportionaler Änderung der Geschwindig-
keit unten allerdings auf 4,7 statt auf 5.0 m p. Sek; es scheint also, daß die
Windstärkeschätzungen um einen allerdings sehr geringen Betrag (6%) zu
groß sind.
In den einzelnen Gruppen sind die Unterschiede teilweise größer. Wie
aus Tabelle 4 ersichtlich ist, sind die Schätzungen etwas zu groß in den Gruppen
I, HI, VI, VII, und X, zumal in den Subtropen, zu klein dagegen in Gruppe IV.
Die Abweichungen sind jedoch stets kleiner als 1 m p. Sek. sie liegen
innerhalb einer halben Beauforteinheit.
Im übrigen ist bei diesem Vergleich zu berücksichtigen, daß vertikale
Luftbewegungen, wenn diese auch über dem Meere, besonders in den untersten
Schichten, nicht so groß sind wie über dem Lande in den untersten Schichten,
die aus den Beobachtungen berechneten Geschwindigkeiten oftmals
fälschen.!) Die berechneten Geschwindigkeitszahlen in 100 m Höhe stellen also
Vel. Fußnote S. 467