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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1912.
Die Frage der säkularen Senkung.
Noch einen in letzter Zeit eifrig ventilierten Punkt, der unsere Unter-
suchung stark berührt, fühlen wir uns kurz zu streifen veranlaßt: die säkulare
Senkung, Obgleich diese Streitfrage schon seit mehr als 150 Jahren unter den
Fachgelehrten den Gegenstand eingehendster Erörterungen abgegeben hat, so ist
die Angelegenheit auch heute noch keineswegs entschieden‘).
Daß an unserer Küste in prähistorischer Zeit eine Senkung, die sich noch
in die historische Zeit hinein bemerkbar macht, sich vollzogen hat, wovon die
submarinen Moore, Wälder, Hünengräber, prähistorische Funde usw, untrügliche
Beweise sind, ist über allen Zweifel erhaben; allein ob eine solche auch in
neuester Zeit stattgefunden hat, darüber ist man geteilter Meinung. Manche
Beobachtungen scheinen als Beweise für eine Senkung gedeutet werden zu
können, manche ihr zu widersprechen. Es steht aber zu erwarten, daß die
Forschungsergebnisse in nicht zu ferner Zeit sich zu einer klaren Diagnose
verdichten lassen. —
Welche Bedeutung mag nun eine Senkung oder Hebung oder ein Stillstand
für die Sandbänke und Fahrwasser haben? — Die Erfahrung lehrt, daß im all-
gemeinen die Senkung eine Besserung des Fahrwassers zur Folge hat, die
Hebung eine Ersechwerung, Das trifft in erster Linie für die Felsküsten zu;
auf die sandigen Flachküsten, wie die unsrige, dürfte der Einfluß kein allzu
großer sein, da den Meeresagentien wegen der Langsamkeit, mit der sich diese
Vorgänge zu vollziehen pflegen, Zeit gegeben ist, die Konfiguration des Bodens
ganz ihrer Eigenart entsprechend gestalten zu können, d. h. die Sandbänke zu
der entsprechenden Höhe aufzubauen bzw. zu erniedrigen; denn, wie wir be-
obachteten, halten sich die Sandbänke fast ausnahmslos etwas unter dem Hoch-
wasserniveau. Eine plötzliche Hebung oder Senkung würde deshalb nur vor-
übergehend eine Änderung herbeiführen. Bleibt jedoch die Höhenlage des Küsten-
geländes dieselbe, so steht zu erwarten, daß auch bezüglich der Sandbänke
der status quo seine Existenz verteidigen wird, — —
Lassen wir zum Schluß das Gesamtbild an unserem Auge vorüberziehen,
so sticht besonders ein charakteristischer Zug hervor: die große Flüchtigkeit
und Wandelbarkeit der Gebilde unserer Küstenzone, so daß man die Seekarten
dieser Gebiete nur als Augenblicksbilder betrachten darf.
Bemerkung: Die Anregung zu dieser Arbeit empfing ich durch Herrn
Professor Dr. G. W. v. Zahn in Jena, dem ich an dieser Stelle meinen herzlichsten
Dank abstatte
Die radiotelegraphischen Zeitsignale der Funkenstation Norddeich.
Von Korvettenkapitän a. D. Capelle, Vorstand des Kaiserlichen Marine-Observatoriums Wilhelmshaven,
(Hierzu Tafel 22.)
Nachdem die drahtlose Telegraphie soweit gefördert war, daß mit ihrer
Hilfe Signalzeichen, denen man das seit langer Zeit im telegraphischen Verkehr
angewandte Morsesystem zugrunde legte, in exakter Weise auf große Ent-
fernungen abgegeben werden konnten, lag der Gedanke nahe, diese wertvolle
Erfindung für die Abgabe regelmäßiger Zeitsignale auszunutzen. Sofern es
gelang, diesen Gedanken zu verwirklichen. wurde damit eine Lücke ausgefüllt,
1) Zur Lösung dieses Problems bezüglich unserer Küsten haben unter andern Beiträge geliefert:
3 Forchhammer, Zeitschrift für Erdkunde, Bd. I, S. 473. — 2. F. Hahn, Untersuchungen über
das Aufsteigen und Sinken der Küsten, 1879. — 3. R. Haage, Die Deutsche Nordseeküste, Diss.
Leipzig 1899. — 4. E, Sueß, Antlitz der Erde, S. 529ff. — 5. W. Wolff, Entstehung der Insel
Sylt, 1909. — 6. Fr. Solger, Die Deutschen Seeküsten, Veröfftl. d. Inst. f. Meeresk., 1907. —
7, Wattuntersuchungen der Jade seitens der Werft in Wilhelmshaven, — 8, E. Traeger, Die Halligen
der Nordsee, 1892. — 9. A. Penck, Das Deutsche Reich, Wien 18857. — 10. Fr. Arends, Phrsische
Geschichte der Nordseeküste. Emden 1833. — 11. Jahrbuch für die Geschichte Oldenburgs. 1908.
Heft 9. 10.