Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee. 413
Ist nun obige Hypothese richtig, so. müssen diese Vorgänge einen andern
auslösen, nämlich den (Punkt 3)'), daß der Mündungsmund, nachdem er
eine längere Periode hindurch ständig nach Süden verlegt wurde,
nach Norden überspringt, wo er sich eine neue Gasse bahnt. So
springen z. B. an der Südküste die Alte Jade und die beiden Weserarme nach
etwa 60jährigen Zwischenräumen?®) in ihr altes wieder ausgeräumtes Bett zurück.
Verdächtig eines solchen periodischen Wechsels sind an unsern Küsten mit den
ewig sich in Bewegung befindlichen Sandmassen alle Flußsysteme, bei denen uns
die Ausdrücke »Alter« und »Neuer« Lauf begegnen. Diese Bezeichnungen treffen
wir nun auch im nordfriesischen Archipel: Norder Elbe, Norder und Süder Piep,
Süder, Mittel, Alte und Norder Hever, Altes Schmal Tief, Süder und Norder Aue.
Der Vergleich alter und neuer Seekarten kann uns volle Klarheit geben.
Es standen mir für diesen Küstenstrich folgende, der Berliner Universitäts-
Bibliothek entliehene, im Maßstabe 1:100 000 gezeichnete Seekarten zur Verfügung.
A) für die Strecke von der deutsch-dänischen Grenze bis zum Vortrapp Tief:
Nr. Herausgegeben:
1. 70 1880. -
2, « 1898. 12. III, 1901.
8. « 1898. 22. I. 1910.
B) für die Strecke Land Tief bis zur Elbemündung:
Nr. Herausgegeben:
1880.
1890, 6. VI. 1891.
1898. 12. IIL 1901.
1898. 9. IV. 1910.
Bemerkung: Zur Orientierung möge dienen, daß die-in nachstehendem angegebenen Jahres-
zahlen sich auf die fettgedruckten beziehen.
Das Lister Tief kann etwa als eins der letzten, noch von einem ziemlich
starken Gezeitenstrom bestrichenen Gaten gelten, in das der Flutstrom jedoch von
Süden kommend eintritt; denn, wie wir sahen, vollzieht er einige Seemeilen
westlich von Westerland eine Gabelung, wobei ein Arm nach Süden streicht und
am die Südspitze von Sylt herum landwärts vordringt, während der andere um
das Nordende herum ausholt. Das Tief steht deshalb im Vergleich zu den
anderen Gaten unter ganz abnormen Verhältnissen; der Flutstrom und die
Sanddrift sind konträr, und der Ebbestrom hat gleiche Richtung mit dem Wind-
strom. Bei ihm bemerken wir der Regel entsprechend ein steiles Süd- und sehr
fMaches Nordufer. Aber der Flutstrom müßte‘ nun nicht nur an der Nordküste
von Sylt, sondern erst recht im Nordwesten der Insel hart am Gestade entlang-
streichen. Statt dessen begegnet uns an letzterem Punkte der mächtige, in
Dreiecksform in See hineinragende und durch eine schmale Barre mit dem
Rüst Sand in Verbindung stehende Salz Sand, den ich als das Ergebnis der durch
das Zusammentreffen des am Sylter Strande (von Westerland ab) entlanglaufenden,
mit Sedimenten beladenen Flutstromes und des in südlicher Richtung setzenden
Ebbe- und Windstromes hervorgerufenen Stauung deuten möchte, -Der Flutstrom,
der mühsam um den Salz Sand herum ausholt, scheint mithin nicht die nötige
Stoßkraft ‘zu besitzen, die Sanddrift erfolgreich bekämpfen zu können, wenngleich
auch die Struktur des Salz Sandes — Südabfall flach, Nordabfall steil — die
Überlegenheit des Flutstromes verrät. Die Möglichkeit der Verlegung des
Mündungsmundes auf dem äußern Bankplateau ist wegen des beschränkten
Gebietes, auf dem dieselbe sich vollziehen‘ kann, gering. Das Ergebnis der
Untersuchung ıittels der drei Karten ist, daß eine sprunghafte Verlegung dem
Flutstrom entgegen, also nach Süden, nicht zu konstatieren ist; umgekehrt
macht sich eine langsame Verlegung nach Norden bemerkbar, wodurch
dem Flutstrom der Eintritt immer mehr erschwert wird. Es dürfte aber der-
') Siehe SS. 410.
2) Siehe S. 353 bis 357.
&