Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee, 8359
Drifterscheinungen in erster Linie als das Abbruchsmaterial der Geldsack-Brücke
anzusprechen sein. Die Sanddrift und damit auch die Sandbankwande-
rung scheinen sich also auch hier in etwa nordöstlicher Richtung zu
vollziehen. Ob auch die um 1840 sich bemerkbar machende Zunahme des
Borkum Riffs eine Erklärung findet durch die Zertrümmerung einer vorher vor-
handenen Geldsack-Brücke, konnte ich mangels Kartenmaterials nicht feststellen.
— Wenn man das Gesamtbild auf sich wirken läßt, so hat es den Anschein, als
ob die Sandmassen von Westen her am Wattensaum heranstreichen und all-
mählich die Bänke der Reihe nach einhüllen, um dann nach Osten hin zu ver-
schwinden. —
Die Vorgänge, die sich in der Westerems abspielen, werfen ihre Schlag-
lichter auf die Osterems. Ihre Existenz steht nicht in kausalem Zusammenhang
mit der Ems selbst; sie scheint ihre Entstehung lediglich ihrenı Hinterland, den
ausgedehnten Watten an der W- und NW-Küste Ostfrieslands zu verdanken, deren
Ebbewässer bei ihrem Rückweg ins Meer wahrscheinlich diesen Emsarm einst als
Priele ausgehobelt haben. Die Flut- und Ebbeströmungen, die in der Ems sich
zeigen, haben dann dieses Umstandes sich bemächtigt und diese Priele zum öst-
lichen Mündungsarm der Ems sich ausbilden lassen. Daß die Osterems in der
Tat eine rezente Bildung sein muß, dafür spricht folgende Tatsache. Es bildeten
zur Zeit Adams von Bremen (um 1100) Borkum, Juist, Norderney, Buise und Bant
eine große, dem Sprengel des Bischofs von Münster zugehörige Insel, die zur Zeit
Karls des Großen dem Missionssprengel des Heiligen Liudgeri, des späteren Bischofs
von Münster, zugeteilt wurde. (In vita Liudgeri heißt es: insula, quae dicitur Bant.)
Von Strabo wurde sie Bvgyavyic, von den Römern Burcana oder Fabaria, d. i.
Bohneninsel, genannt. (Vgl. Plinius.) Ihre Auflösung erfolgte mutmaßlich in der
Marcellusflut am 16. Januar 13621), Mannsdränke bezeichnet; wenigstens muß sie vor
1398 liegen, wo schon die einzelnen Inseln genannt werden, Buise und Bant
sollen im 18. Jahrhundert untergegangen sein. (1398 heißt der östliche Teil Oster-
ende, im 16. Jahrhundert Norder Neye [= neue] Ooge = Norderney.)?) Durch
dieses Gebiet legte die Osterems ihr Bett, die noch im 18, Jahrhundert kurz
»Neue Ems« genannt worden sein soll. Für die Einsegelung in die Ems ist sie
völlig bedeutunglos, da sie im Südosten des Randzel eine Untiefe von nur etwa —
2 m hat. Wäre es den Meereskräften gelungen, Borkum gleich den abgesprengten
Teilen Buise und Bant wegzuspülen, so würden beide Arme sich infolge des charak-
teristischen Betrebens der Flüsse, ihren Mund den Gezeiten entgegenzustrecken,
wahrscheinlich schon längst zu einem einzigen Arm vereinigt haben. Wenn es
gelingen würde, durch ein gewaltiges Höft von Borkum aus über den Randzel
durch die Osterems, etwa auf den Manslagter Nacken zu, den Zusammenhang
mit der Westerems zu unterbinden, so könnte die Osterems wahrscheinlich wieder
auf die Prielenbedeutung zurückgedrängt werden, was sowohl für die Landgewin ı
an der NW-Küste Ostfrieslands als auch für die Offenhaltung des Hauptarms
von großer Bedeutung sein würde. — Für uns tritt der Punkt in den Vorder-
grund, wie sich hier die Sanddriftfrage gestaltet. Charakteristisch ist, daß fast
ständig, mit Ausnahme von 1888, eine Untiefenverbindung zwischen dem Borkum
Riff und dem Juister Riff besteht, deren Längsachse in typischer Weise im
allgemeinen etwa Nordwest-Südost verläuft, was offenbar dadurch hervor-
gerufen wird, daß der Flut- und Ebbestrom nicht dieselbe Streichrichtung haben:
ersterer hat sein Bett an der West-, letzterer an der Ostböschung, ganz in Über-
einstimmung mit unserer früher gemachten Beobachtung. Aber das: allein kann
die Existenz der Brücke nicht erklären. Warum nämlich gelingt es beiden
Strömungen nicht, ihre Aushobelung progressiv fortzusetzen, um sich doch die
Hand reichen zu können, wie es einmal (1888) unvollkommen der Fall ist? Es
kann meines Erachtens dafür nur eine Erklärung geben: die Stranddrift vom
Geldsack-Komplex her über den teilweise festen Tonrücken des Borkum Riffs
') Supan, Physische Erdkunde, 1911, S. 593,
2) Verhandlung der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin 1901, 172: K. Kretschmer, Die
ohysische Entwicklung der Nordseeküste in historischer Zeit. (Vgl. Supan, 1911, S. 593.)