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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1912.
3. Ölmotore im Dienste der Seeschiffahrt. Von dem Ersatz der Arbeit
der menschlichen Hand durch Kraftmaschinen hat ein Gewerbe lange Zeit wenig
verspürt. Es ist dies die Seefischerei, Die Hochseefischerei freilich hat ihre
Dampferflotte, aber die dem Kleingewerbe, ja man möchte sagen dem Handwerk
zuzurechnende Seefischerei auf kleinen Fahrzeugen hat lange Zeit hindurch
jede andere Betriebskraft als den Wind für die Fortbewegung und die rüstigen
Arme des Fischers für die Bewegung der Netze verschmäht. Es hatte dies
seinen Grund darin, daß für sie die Dampfmaschine aus wirtschaftlichen Gründen
nicht in Frage kommen konnte und ein kleiner Ölmotor nicht auf dem Markt
war, der so einfach gebaut und so betriebssicher war, daß er auch von wetter-
harter Hand bedient werden konnte, ohne zu versagen. Mochte er auch ein
paar Kilo schwerer sein und etwas mehr Brennstoff verzehren, das war gleich-
gültig, Aber er mußte so widerstandsfähig und robust sein wie die Männer, die
mit ihm arbeiten sollten, ohne daß sie in die Feinheiten eines Automobilmotors
mit elektrischer Zündung eingeweiht waren. Allmählich ist hier nun Wandel
geschaffen worden; während zu Anfang dieses Jahrhunderts nur ein paar unserer
kleinen Fischerfahrzeuge zu ihrem Antrieb mit Ölmotoren versehen waren, sind
es gegenwärtig deren etwa 500, es hat hier also ein Jahrzehnt einen bedeutenden
Fortschritt herbeigeführt.!) Dies war zum guten Teil dadurch möglich, daß der
Ülmotor in die vorhandenen Fahrzeuge eingebaut werden konnte, ohne daß an
diesen größere Änderungen erforderlich waren, Fast immer genügen Motoren
von höchstens 25 bis 30 Pferdestärken für die offenen und gedeckten Kutter,
mit denen an der Ost- und Nordsee unsere Fischer dem Fang obliegen.
In den meisten Fällen werden Ölmotoren mit Glühhaubenzündung be-
nutzt, Das Prinzip dieser Motore ist folgendes: Neben bzw. über dem Zylinder
für den Arbeitskolben liegt ein mit dem Zylinder durch eine Öffnung in Ver-
bindung stehender Raum, die sogenannte Glühhaube, Diese Haube wird vor dem
Inbetriebsetzen des Motors von außen durch eine Hilfsflamme stark angewärmt.
Arbeitet der Motor im Viertakt, so wird beim Vorgang des Kolbens Luft in den
Zylinder gesaugt, beim Rückgang wird sie alsdann verdichtet; gleichzeitig wird
in die Glühhaube der Brennstoff eingespritzt. Gegen Ende der Kompression ent-
zündet sich das Luftbrennstoffgemisch an der heißen Glühhaube. Die Explosion
schleudert den Kolben vor, und im vierten Takt wird während des Rückganges
des Kolbens das verbrannte Gas ausgestoßen. Bei normalem Arbeiten ist die
Wärmeabgabe an die Glühhaube so groß, daß sie stets in einer zur sicheren
Zündung genügenden, schwachen Glut bleibt, Wird der Motor als Zweitaktmotor
gebaut, so muß das Füllen mit komprimierter Luft und das Ausstoßen der ver-
brannten Gase durch eine Hilfspumpe erfolgen, Eine solche stellt in einfachster
Weise der Arbeitskolben dar, Das Gehäuse, in dem die von dem Arbeitskolben
gedrehte Kurbel gelagert ist, wird abgeschlossen und mit einem nach innen sich
öffnenden Saugventil sowie einem nach außen sich öffnenden Ventil zum Raum
über dem Kolben versehen. Dann vertritt der Raum unter dem Kolben den
Pumpenzylinder und das Kurbelgehäuse den Windkessel, aus dem die Luft unter
Druck dem Raum über dem Kolben während des Rückganges zugeführt wird,
Der Glühhaubenmotor muß mit geringem Druck vor der Verpuffung arbeiten, er
ist deshalb hinsichtlich des Brennstoffverbrauches bei weitem nicht so sparsam
wie die anderen modernen Motore; da er aber wegen seiner Einfachheit an sich
billig ist und die Verwendung von billigem Rohöl gestattet, so ist er trotzdem
für die Zwecke der Fischerei wirtschaftlicher als mancher zwar sparsamer
arbeitende, aber bessere Brennstoffe und eine vorsichtigere Behandlung er-
heischende moderne Ölmotor.
Einen gleichfalls sehr einfachen, dem Dieselmotor nahestehenden Motor
bringt für Fischerboote die Gasmotorenfabrik Deutz auf den Markt. Er ist
nach dem System Brons gebaut, und zwar als Viertaktmotor. Die im ersten
Hub angesaugte Luft wird im zweiten Takt auf 28 Atmosphären zusammen-
gepreßt. Hierbei erhitzt sie sich so stark. daß der zuvor in die am Zylinder an-
‘ Romberg, Seefischerei-Motore, »Dinglers Polvtechn. Journal« 1912, Heft 1 u. ff.