300 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1912,
Grunde 122 Teile, für letztere 69 bzw. 77 Teile. Das macht für die Flut ein
Plus von 17 bzw. 45 Teilen, ,
Auch die Bänke selbst verraten die Überlegenheit des Flutstromes.
Charakteristisch ist nämlich, daß, wie Hagen experimentell nachgewiesen hat,
ihre flache Böschung stets der Angriffsrichtung der Kraft zugekehrt
ist. Dasselbe gewahrt man bei den Inseldünen, ihren durch äolischen Einfluß
entstandenen Schwestern, Da nun die Bänke fast ausnahmslos ihre flache Seite
dem Flutstrom entgegenneigen, so wage ich daraus herzuleiten: a) daß der Flut-
strom der stärkere der beiden Gezeitenströmungen ist, b) daß die Sandbänke von
dieser Seite her die Hauptspeisung mit neuem Material empfangen.
Ich glaube deshalb, soweit uns die Unterlagen einen Schluß zulassen, mich
dahin zusammenfassen zu dürfen:
Der Flutstrom trägt mehr Sedimente in die Flüsse hinein, als
der Ebbestrom fortzuspülen imstande ist. — —
Die Folge davon ist, daß sich in den unteren Flußläufen Sandansammlungen
bemerkbar machen müssen, und zwar entsprechend dem Gesetz,!) nach dem dort,
wo zwei Strömungen zusammenstoßen, infolge der dadurch hervorgerufenen
Stauung ein Niederschlagen der Sedimente veranlaßt wird, an der Stelle, wo der
Flut- und Ebbestrom sich treffen, und im Kenterungsgebiet, in der Brackwasserzone.
Das Kartenbild bestätigt solches. So entstehen die Gezeitenbarren, eine Flut-
barre im oberen, eine Ebbebarre im unteren Flußgebiet, von denen erstere, weil
in der Zone starker Flußströmung liegend, mehr eingeebnet, verflüchtigt, abwärts
gespült wird. Außerdem wird ein großer Teil, namentlich von dem feinen Detritus,
dem Schlick, auf den Watten abgelagert; die durch die Gaten zwischen den
Inseln eindringenden Flutwellen begegnen sich hinter den Inseln, wo sie ihre
Sedimente in bedeutenderem Maße niederschlagen, was an diesen Punkten Boden-
erhebungen zur Folge hat, die von den Wattschiffern einfach als »hohe Watten«
vdezeichnet werden,
Finden nun aber jenein den Mündungen der Flüsse abgelagerten
Sedimente bei der Sandbankbildung Verwendung? Schon ihre Lage in
den Barrenzonen läßt solches vermuten. Denn die Barre ist hier nicht eine im
großen und ganzen flach gewölbte Bildung, wie beispielsweise die den Gaten der
ostfriesischen Inseln vorgelagerten Barren, die infolge der in den Engen förmlich
zurückschießenden Ebbewasser ausgewellt sind, sondern sie ist durch die Meeres-
agentien in viele Teile zerschnitten, in Einzelerhebungen von typisch ausgeprägter
Gestalt, die man Bänke nennt, die also als aus dem Barrenmaterial aufgeschichtete
Bodenerhebungen zu verstehen sind. —
Auf welche Weise haben wir uns die Bildung der Bänke etwa vor-
zustellen? Denken wir uns einmal eine von Bänken freie Flußmündung, die aber
wegen reichlicher Sandzufuhr zur Bankbildung geneigt ist, beispielsweise die Jade-
Mündung in solcher Verfassung. Fig. 5a. Das sandige Bett sei leicht konkav
Fig. 5a.
„rs
ausgewellt, die Flanken seien sanft geneigt. Der Flutstrom setzt ein. Er hat eine
südöstliche Richtung. Auf der Linie Wangeroog— Roter Sand - Leuchtturm be-
gegnet er dem Ebbestrom, wodurch ein Teil der Sedimente sich niederschlägt.
Nordöstlich von Wangeroog tritt er in die Jade ein. Die Stütze, die sein rechter
Flügel bisher am Gestadesockel hatte, hört hier plötzlich auf, und die Flanken-
wasser gleiten in die Jade hinein, und zwar dürften dieselben sich anfangs in-
folge der ihnen innewohnenden größeren Kraftfülle rechtsseitig — von der Flut-
x Siehe 8. 287.