Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee. 295
Watten und Riffe besetzt sind, die Wassermassen, von Westen her über diese
hinwegstreichend, in die Flanke, wodurch die oberen Partien des Hauptteils des
Flutstromes in östlicher Richtung mit fortgerissen werden. Hierdurch wird ein
Kompensationsstrom erzeugt, der von unten her an der Böschung nach oben
gesogen wird und. der infolgedessen letztere stark angreifen und ihr einen steilen
Abfall geben muß. Infolge des Vordringens des Hauptteils des Flutstromes fluß-
aufwärts nimmt der Kompensationsstrom eine schraubenartige Bewegung an. —
In ähnlicher, wenn auch komplizierterer Weise dürfte sich der Vorgang bei den
Bänken abspielen, wo jedoch die Steilheit noch durch ein anderes Moment be-
günstigt wird: Die Sandwanderung, worauf wir bei dem Kapitel: »Wanderung
der Bänke« noch zurückkommen werden. — Diesem Kompensationsstrom scheint
meines Erachtens neben der Erdrotation und etwaigen andern Ursachen eine
hervorragende Rolle bezüglich oben genannter Charakteristika zuzufallen,
Fassen wir zusammen: .
Als für die Vergrößerung der Erosionskraft, sowie für die Sand-
verfrachtung landwärts ausgesprochen günstige Momente haben wir betreffs
unserer Küste kennen gelernt:
1. Die schräge Richtung des Flutstromes zur Küste,
2. die günstige Einwirkung der Winde, |
3. die günstige Konfiguration des Meeresbodens und der Küste
(steigendes. Terrain, seitliche Einengung),
4. die rechtsseitig sich steigernde Kraftäußerung des Flut-
stromes, hervorgerufen durch die Erdrotation, den Kompensations-
strom und noch etwaige andere Ursachen. —
Auf die Erosion und den Transport des Sandes wirken jedoch drei Um-
stände höchst nachteilig ein:
a) Daß die Gezeitenströme in der Fundy-Bai so gewaltige Werte zeitigen,
ist außer den berührten Gründen zum nicht geringen Teil darauf zurückzuführen,
daß wir es dort mit nur einer Flutwelle zu tun haben, die steigend und fallend
dieselbe Bahn durchmißt. Die Nordsee dahingegen hat, wenn wir so rechnen
wollen, 4 gesonderte Flutwellen mit unzähligen Interferenzen und Reflektionen, !)
wodurch ihre Richtung keine einheitliche bleibt, ihre Kraft zersplittert und ihre
Intensität höchst nachteilig beeinflußt wird.
b) Man sollte nun meinen, daß für einen etwaigen Sandtransport das
ungleich schwerere und tragkräftigere, salzige Meerwasser von Vorteil sei.
Aber Experimente haben gerade das Gegenteil ergeben. Denn trotz der Bei-
mengung von Salzen, die sein spezifisches Gewicht wesentlich erhöhen, besitzt es
gleich allen Elektrolyten die überraschende Eigenschaft, mechanisch beigemengte,
schwebende Sedimente rasch auszuscheiden und sich zu klären, wovon sich jeder
leicht überzeugen kann, der in.ein mit Süßwasser gefülltes Probierglas und in
ein anderes mit Salzwasserfüllung gleiche Gewichtsteile Sedimente schüttet:
während ersteres die Trübung längere Zeit beibehält, nimmt letzteres in kürzester
Zeit die schönste Klarheit an.
Diese Ausscheidungsfähigkeit ist dem jeweiligen Prozentsatz des Salz-
bestandes proportional. Derselbe ist in den verschiedenen Jahreszeiten, wie in
den Tiefen sehr veränderungsvoll, wie nachstehende drei Tabellen zeigen.?)
Tabelle I enthält für das Oberflächenwasser die nach etwa 20jährigen
Beobachtungen der Kieler Kommission zur Erforschung deutscher Meere berechneten
Monatsmittel des Salzgehalts. Auffälligerweise hat das Oberflächenwasser bei
Helgoland und dem Weser-Feuerschiff den größten Prozentsatz an Salz und damit
verminderte Transportkraft gerade in den Wintermonaten, in denen die Elbe
und Weser den größten Wasserreichtum haben, eine Abnormität, die wahrscheinlich
durch die reichlichere Wasserzufuhr aus dem Salzquellgebiet, dem Atlantischen
Ozean, durch die im Winter stärkeren W-Winde verursacht wird.3)
!) Siehe S, 291 u. 292,
*) Segelhandbuch 1903, I, 1, 8. 74ff... . Le
3 Bemerkung: Die Menge betrug für November bis April mehr als das Doppelte derjenigen
für Mai bis ‚Oktober: 1:045