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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1912.

eine weitere Erhöhung der Flutwelle zur Folge hat, deren Höhe ja umgekehrt
proportional ist der Quadratwurzel aus der Breite,
Wir sehen also, daß die Konfiguration des Meeresbodens für den
Sandtransport aus dem Becken an die Küste durchaus günstig ist. —
Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Seekarte muß uns nun dreierlei
auffallen: !)
1. daß die sämtlichen von Süden her in die Nordsee einmündenden Flüsse
ihren Mündungsmund nach Westen, also sich dem Flutstrom entgegen richten;
2, daß in vielen Fällen die tiefsten und für die Schiffahrt fast allein in
Betracht kommenden Fahrrinnen an der westlichen Seite des Mündungsmundes
sich befinden,
3. und daß der Ostabfall der Ufer dieser Gebiete und Sände steil, die
Westseite dahingegen flach ist.?)
Was kann die Ursache dieser Erscheinungen sein?
Merkwürdigerweise fließt nun in der Elbe der Flutstrom am Südufer
stärker als am Nordufer, der Ebbestrom umgekehrt, was besonders für die Reede
von Cuxhaven hervorgehoben wird. Vom zweiten Feuerschiff ab hat die Ebbeströmung
 sogar eine NNW-Richtung, häufig mit einer Geschwindigkeit von 5 Sm,
und zwar ist sie hier an der Nordseite stets bedeutend stärker als an der Südseite,
 »Eine solche verschiedene Lage der Linien größter Stromgeschwindigkeit
oder des „Stromstrichs“ muß als regelwidrig bezeichnet werden, sobald man sie
mit den allgemein für fließendes Wasser in gekrümmten Flußbetten geltenden
Gesetzen vergleicht.« Denn besonders in den Mäanderbetten ist der Stromstrich
stärker gewunden als das Flußbett; er macht schlangenartige Windungen, Serpentinen,
 wie nebenstehende Zeichnung andeutet. Dabei ist stets das konkave Ufer
seinen Angriffen mehr ausgesetzt als das
konvexe. Solches müßte nun auch für die
Elbe zutreffen, allein der Flutstrom hält
sich dessenungeachtet beharrlich am Süd-,
der Ebbestrom am Nordufer. Als Ursache
müssen wir nach Krümmels Ansicht die
Erdrotation ansehen, durch die jeder
Strom auf der nördlichen Hemisphäre nach rechts abgelenkt wird, ein Gesetz,
das zuerst von v. Baer aufgestellt wurde. Durch dieses Rechtsdrängen wird,
wie wir sahen (S. 18), neue Energie ausgelöst, was sich wegen der Überlegenheit
 des Flutstromes über den Ebbestrom (vgl. S. 24) in dem stärkeren Angriff
 des rechtsseitigen Uferhanges und des Bodenbelags bemerkbar machen muß,
wodurch sich das Herumbiegen des Mündungsmundes nach Westen, der Steilabfall
 und die tiefe Rinne am Westufer erklären läßt. Freilich ist man in
Fachkreisen über die Einwirkung der Erdrotation auf die Flußmündungen geteilter
 Meinung; man glaubt, daß der Einfluß weniger der Erdrotation als
vielmehr jenen Momenten, die — wie Unebenheiten und Verschiedenheiten in
der Härte der Unterlagen — die Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung
vorzugsweise bedingen, zuzuschreiben sei?) Ob für unsere Küste vielleicht
nicht auch noch andere Ursachen, wie die überaus verwickelten Gezeitenverhältnisse*)
 mitspielen? So scheint noch ein Umstand, der für die Steilheit
des Ostabfalls der Flußufer und Bänke als Ursache mit in Frage kommen könnte,
besonderer Erwähnung wert. Auffälligerweise ist nämlich sowohl bei der Jade
als bei der Weser und Elbe die Böschung gerade an den Stellen eine sehr steile,
wo westwärts sich Watten und Riffe anschließen: so das Watt zwischen Wangervog
 und der Küste von Jeverland bei der Jade, die Alte Mellum und die Mellum
Plate bei der Weser und das Scharhörn Riff und das Neuwerker Watt bei der
Elbe, Während nun bei Beginn der Flut der Flutstrom den Eintritt in die Flüsse
um jene Watten und Riffe herum nehmen muß, fallen ihm später, wenn die

ı) Siehe Fußnote S. 293 2.
2) Vgl. Segelhandbuch 1906, I, 3, S. 261.
3) A. Supan, Grundzüge der physischen Erdkunde, 1911, S, 22, 709.
is) Vgl. O0. Krümmel. Die Deutschen Meere usw. In »Institut für Meereskunde«, Heft 6. 1904
            
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