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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

14° 
Annalen der Hydrographie und Mariıtimen Meteorologie, Juni 1912. 
Nun sind aber die Gezeitenerscheinungen in der Nordsee nicht so einfach 
und übersichtlich, wie die obigen Ausführungen glauben machen könnten. Die 
Nordseebucht gehört in dieser Beziehung zu den kompliziertesten aller Meere 
einerseits wegen der Konfiguration des Meeresbodens, der starken Küstengliederung 
und des busenartigen Charakters, anderseits aber auch hauptsächlich des- 
wegen, weil wir hier mit zwei, ja, wenn wir die nördliche nach der Zahl der 
Eintrittstore in drei zerlegen wollen, mit vier Flutwellen zu rechnen haben, 
Das führt in mancher Beziehung zu bis heute noch nicht völlig entwirrten 
Komplikationen, wie die von Whewell entworfene und noch deutlicher die 
Krümmelsche Karte angeben.!) Dabei hat dieser, wie er erläuternd zu derselben, 
die er als einen Versuch für das hieraus entstehende Gewebe der verschiedenen 
Flutwellen bezeichnet, bemerkt, die Stundenlinien der Nordmeerwelle nur bis 
10b, die aus der norwegischen Rinne kommenden Teile der Shetland-Welle nur 
bis 4% und die reflektierten Wellen gar nicht dargestellt, um ein unentwirrbares 
Knäuel zu vermeiden. Die Karte zeigt eine Unzahl von Interferenzen. 
Aus obigen Ausführungen, sowie aus den Karten von Whewell und 
Krümmel und aus dem »Atlas der Gezeiten und Gezeitenströme« geht hervor, 
daß die Richtung des Flutstromes zu der unserer Küste einer etwaigen 
Sandverfrachtung aus der Tiefe des Meeres eine durchaus günstige ist; 
denn ersterer streicht auf dem 54. Breitengrade bis 7.5° O-Lg. ungefähr nach Ost- 
südosten,?) während letztere etwa von Westsüdwesten nach Ostnordosten verläuft, 
so daß sie sich unter einem spitzen Winkel treffen. — 
Dazu kommt, daß der Einfluß der Winde auf den Flutstrom ein ausgesprochen 
günstiger ist. Nach den Angaben des Segelhandbuchs®) verursachen die südwestlich 
durch Westen bis nordnordwestlich wehenden Winde, namentlich wenn sie von 
großer Stärke sind und längere Zeit geherrscht haben, eine Ablenkung, und 
zwar am bedeutendsten der SW- und der NNW-Wind, ersterer, indem er den 
Flutstrom von der Küste abhält und den Ebbestrom nach Norden hin drängt, 
letzterer durch Herumbiegen des Flutstromes an die Küste und des Ebbestromes 
nach Norden, ein Umstand, der um so höher einzuschätzen ist, als die W- und 
NNW-Winde — die SW-Winde spielen als ablandige keine so große Rolle — in 
bezug auf Häufigkeit und Stärke sich des Regiments erfreuen.*) Auch hat die 
Erfahrung‘ gelehrt, daß die aus Südosten durch Osten bis Nordosten wehenden 
Winde eine Ablenkung bewirken,°) wobei die NO- und auch noch O-Winde 
den Flutstrom nach Süden, den Ebbestrom nach Westen drehen. 
Aber nicht allein ablenkend, auch hinsichtlich der Geschwindigkeit der 
Gezeitenströmungen und der Dauer der Gezeiten macht sich der Einfluß der 
Winde geltend. Das gilt in erster Linie von den W- bis NNW-Winden, weil sie, 
als Einheit genommen, die häufigsten und stärksten sind. So wurden bei der 
Schwarzen Tonne 5 im Wangerooger Fahrwasser, wo bei normalen Verhältnissen 
eine Geschwindigkeit von 1.3 bis 2,5 Sm für den Flut- und 1.2 bis 2.5 Sm für 
den Ebbestrom herrscht, bei W-Winden mit der Stärke 8 bis 11 für den Flut- 
strom 5.5 Sm und bei längeren O-Winden mit der Stärke 4 bis 5 für den Ebbe- 
strom 3.9 Sm gemessen,°) ebenso an der Wesermündung, wo sonst die mittlere 
Geschwindigkeit für den Flutstrom 1.2 bis 1.7 Sm und für den Ebbestrom 1.2 bis 
1.6 Sm beträgt, bei NW-Wind ein Maximum von 3 Sm. An der Küste ist bei 
Sturmfluten oft kaum ein Fallendwasser bemerkbar und der Wasserstau so ge- 
waltig, daß selbst die höchsten Deiche, bei deren Bau doch angenommene ab- 
normste Verhältnisse die Höhe bestimmen, keine absolute Sicherheit bieten, 
Wir sehen also, daß bei dem Übergewicht der westlichen Winde 
der Einfluß derselben bezüglich einer etwaigen Sandverfrachtung 
1) O0. Krümmel, Die Deutschen Meere im Rahmen der internationalen Meeresforschung 
Veröffentlichung des Inst. f, Meereskunde, Heft 6, 1904, S. 18 u. 20. 
*- Segelhandbuch 1906, I, 3, 8. 81. 
Segelhandbuch 1906, I, 3, S. 80. 
Siehe Windtabellen 8. 16. 
Segelhandbuch 1906, 1, 3, S. 81. 
Segelhandhuch 1906, I, 3. 8. 853
	        
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