Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee, 289
Beweise dafür, daß schon bei mäßig bewegter See der Bodenbelag fast der ganzen
Nordsee in Bewegung sein muß, da der ganze südliche Teil die Tiefe von 100 m!)
nirgends überschreitet, Es ist mithin gewiß keine gewagte Behauptung, daß der
N-, NW- und W-Wind schon bei mäßiger Stärke Sandmassen an unsere Küste
verfrachtet, auf dem Boden die gröberen Sände, nach oben hin von »grob« zu
»fein« allmählich abnehmend, jene vielleicht ruckweise, diese ständig in der
Schwebe. Wegen der überaus flachen Böschung unseres Kontinentalsockels wird
as den Wellen ein leichtes sein, die Sände hinaufzubefördern. Vermehrt wird
diese Masse um die durch die Brandung und durch die ablaufende Welle vom
Sandstrande der Inseln abgelösten Sände. Welche erstaunliche Mengen hierbei
umgesetzt werden, zeigt ein von Beyer südlich von Westerland auf Sylt an-
gestellter Versuch.) Eine mit der oberen Kante etwa 2 mm tiefer als die Sand-
fläche eingegrabene Zigarrenkiste wurde schon bei schwachem Westwinde von
höchstens Stärke 2 durch eine einzige Welle mit grobkörnigem Sand vollständig
gefüllt, so daß die Stelle, wo sie eingesenkt war, überhaupt nicht mehr erkannt
werden konnte.?)
Wo bleibt nun der auf diese Weise von zwei Seiten zusammentrans-
portierte Sand? Daß derselbe weder an den trockenen Strand geworfen, noch
in die Tiefe des Meeres zurückgeführt wird, ist in diesem wilden Chaos, in
diesem Widerstreit der feindlichen Naturgewalten im allgemeinen ausgeschlossen.
Er muß vielmehr hauptsächlich in der Zone bleiben, wo die Begegnung der
beiden Widerparten, der auflaufenden Welle und des sogenannten Soogs, infolge
der dadurch hervorgerufenen Ruhepause ein Niederschlagen der Suspensionen
ermöglicht. An dieser Stelle bildet sich ein Sandrücken mit einem seewärts
meistens steil abfallenden Absatz.“*) Die Lage der Riffe ist naturgemäß bedingt
durch die jedesmalige Stärke des Windes und seine Kombination mit den Ge-
zeiten. Dieser Bankreihen tut auch Beyer®) Erwähnung, indem er berichtet von
einem in einer inkonstanten Entfernung von 200 bis 500 m ziemlich parallel mit
der Westküste von Sylt verlaufenden Riff, das etwa 100m breit und kaum
1!/, m höher als die Umgebung sei. Diesem seien weiter seewärts 1 bis 2, nur
bei: stürmischem Wetter an dem weißen Schaum (Brandung!) erkennbare Riffe
vorgelagert. Auch an der ganzen jütischen Küste sollen diese Riffe, meistens
in der Dreizahl, wie ihm der Strandvogt versicherte, vorkommen.‘)
Diese Erscheinung rufen jedoch in erster Linie die vertikal auf den Strand
auflaufenden Wellen hervor. Treffen sie die Strandlinie unter einem spitzen Winkel,
so entsteht eine an der Küste entlangstreichende Strömung, die man deshalb mit
dem Namen »Küstenstrom« bezeichnet. Dieser ist sowohl für die Verfrachtung
von Material als auch für den Bau der Sandbänke von außerordentlicher Wichtig-
keit. Da die aufgelaufenen Wellen nämlich unter fast demselben Winkel ins Meer
zurückrollen, legen auch die Sandmassen denselben Weg zurück. Sie wandern
also auf zickzackförmiger Bahn in der Windrichtung vorwärts, die gröberen
mehr am Boden, die feineren mehr oder weniger in der Schwebe. So beobachtete
Beyer’) am Sylter Strand, daß eine leere, verkorkte Flasche in 10 Minuten einen
Weg von zirka 200 m bei mittelstarkem Winde zurücklegte und bei SSW-Wind
und starker Brandung eine größere Planke in */, Stunde zirka 350 m. Die Transport-
geschwindigkeit wächst naturgemäß mit der Stärke des Windes und der Größe
des Einfallswinkels des Windes, oder mit anderen Worten: sie ist proportional
der Windstärke und der Winkelgröße des Windes.
‘4 Vgl. die Admiralitätskarten.
2?) A, Beyer, Untersuchungen über Umlagerungen an der Nordseeküste, Diss, Erlangen
1901, S. 24.
3) Vgl. die Fortsetzung ebenda,
*) Vgl. Hagen, Wasserbau,
;) A. Beyer. Untersuchungen über Umlagerungen an der Nordseeküste, Diss. Erlangen
1901, 8. 21.
6) Vgl. Segelhandbuch 1906, I, 3, S.51. .
N 7) A. Beyer, Untersuchungen über Umlagerungen an der Nordseeküste, Diss, Erlangen
‚901, 8. 17.
Ann d Hrdr. usw. 1912. Heft V1.