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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1912,
Ausweichen hat seine Grenzen; denn die Welle beginnt überzukippen, sobald die
Wassertiefe kleiner wird als die Wellenhöhe, ein Vorgang, den man mit dem
Namen Brandung!) bezeichnet, Diese Erscheinung wird noch durch den so-
genannten »Soog«") begünstigt. Während nämlich die oberen Wellenpartien
noch landwärts eilen, entsteht in den tieferen Schichten am Boden durch den
Überdruck, der durch Anhäufung von Wasser am Strande hervorgerufen wird,
ein rückläufiger Strom, der naturgemäß die Instabilität der Welle begünstigt,
Dies zurückfließende Wasser nennt man Soog.
Eine andere charakteristische Eigenschaft wird an unserer Flachküste da-
durch den Wellen verliehen, daß die Wassermasse selbst die Geschwindigkeit der
Wellen annimmt, ein Umstand, in dem zum nicht geringsten Teil die Nährquelle
der Kraft liegt. Es ist nämlich ein Unterschied zu machen zwischen der Wellen-
geschwindigkeit und der der Wassermasse. Daß letztere bei ungestörter Ent-
wicklung nur eine minimale ist, erkennt man an einem treibenden Gegenstand,
der annähernd die Wassergeschwindigkeit angibt, während die Wellen, die bei-
spielsweise im Atlantischen und Stillen Ozean nach Hagen 6 bis 7 deutsche Meilen
in der Stunde durcheilen, unter ihm hinwegstreichen. Wären auf hoher See beide
Geschwindigkeiten gleich, so würden unsere Meere meistenteils unbefahrbar sein,
weil die Wellen die Schiffe zertrümmern würden, was mit den gestrandeten tat-
sächlich geschieht. Infolge der gleichen Geschwindigkeit beider Bewegungen und
des heftigen Anpralls an widerstandsfähige Felsküsten erreicht die Klippenbrandung
so beträchtliche Höhen, die nach Stevensons Beobachtungen im Durchschnitt
der 7fachen (genau der 6.6fachen) Wellenhöhe?) gleichkommen. Da nun Munke
letztere zwischen Hull und Helgoland auf offener See bei stürmischem Wetter
bis auf 4 m und bei weiterer Steigerung des Sturmes im Maximum auf 5!/, m,
Stevenson die Maximalhöhe bei Sunderland auf 4 m, ein englischer Kapitän in
der Nordsee auf höchstens 6 m schätzt, so würden die Wellen nach obiger Formel
an den Klippen im günstigsten Falle eine Maximalhöhe von 42 m erreichen.
Wenn wir nun jene Formel auch nicht auf die Flachküste anwenden dürfen, so
ist doch soviel ersichtlich, daß an unserer deutschen Nordseeküste zu den Zeiten
der Springfluten in Begleitung anhaltender Nordweststürme die Wellenhöhe eine
schr beträchtliche sein muß. So läuft die Brandung zwischen Hanstholm und
Vorupör bei stürmischem Wetter an Land bis zu 3,8 m über die Hochwasser-
grenze.*) Schütte®) berichtet, daß am Hohenweg-Leuchtturm die Wellen schon
bei Windstärke 10 bis zu der Brüstung, die 8 m über dem zur Ebbezeit un-
benetzten Fundament angebracht ist, hinaufleckten und daß der Gischt fast bis
zur Höhe des Semaphorenmastes spritzte und alle Gegenstände in seinem Bereich
mit einer weißen Salzkruste überzog (S. 36). —
Für uns ist es nun wichtig, zu erforschen, bis zu welcher Tiefe die
Welle sich bemerkbar macht. Nach der auf experimentellen Untersuchungen der
Gebr. Weber beruhenden Theorie ist die Wellentiefe gleich dem 350 fachen Be-
trage der Wellenhöhe. Wenngleich nun auch erstere bei größeren Tiefen eine
Einschränkung erfährt, so ist die Welle nach Supan dennoch imstande, ihre
lebendige Kraft bei einer Tiefe von 200 m in Arbeit umzusetzen.‘) Laut Be-
richten von Seeleuten kommt es vor, daß Sturmwellen in der Nordsee und auf
der Neufundland-Bank aus einer Tiefe von 50 m Sandkörner auf Deck spülen, ”)
1) Siehe Karte und Bild in Haas, Nordseeküste, 8. 161.
?) Bemerkung: Den sogenannten Soog kann man leicht durch ein ins Wasser geworfenes Holz-
stückchen und Tuch feststellen; während das an der Oberfläche schwimmende Holz von der anlaufenden
Welle strandwärts getragen wird, schwemmt das am Boden zurückfließende Wasser das durchtränkte
Tuch nach der See zu. In dem Soog liegt eine große Gefahr beim Baden während hohen Seeganges.
(Vgl. Hagen, Wasserbau.)
3) O0. Krümmel, Ozeanographie II, 1911, S. 53 54.
$) Segelhandbuch, 1906, I, 3, S. 51.
5) Jahrbuch des Vereins für Naturkunde an der Unterweser für 1903/04, Bremerhaven 1905,
(Mir stand durch die Freundlichkeit des Herrn Schütte ein Separat-Abdruck zur Verfügung.)
5) A. Supan, Grundzüge der physischen Erdkunde, 1911, S, 295, 296.
’) 0. Krümmel, Ozeanographie I, 1907, S, 165. (Oberbaurat Krüger führt diese Erschei-
nungen auf Wirbelströmungen zurück.)