Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee. 287
Umgestaltungsfaktor ist neben der Brandungswelle der Flutstrom, der vor allen
Dingen durch seine rechtsseitige Kraftäußerung die Flußmündungen nach W
herumzieht,!) eine Erscheinung, die, wenn es dem Menschen nicht gelingt, dem Ein-
halt zu tun, zunächst den Inseln, zuguterletzt der Festlandszone mit zum Ver-
hängnis gereichen wird. — Der gefährlichste Feind würde aber dem Menschen
erwachsen, wenn sich die Hypothese der Senkung bewahrheiten sollte, ein Um-
stand, der für ihn die Bedeutung einer absolut sichern schließlichen Niederlage
haben, für das Meer aber eine schier unerschöpfliche Quelle neuen Materials
erschließen würde.
Zusammenfassend können wir also sagen, daß das Nordseematerial
sich in absehbarer Zeit nicht erschöpfen wird, ja, daß sogar bei Ein-
treffen verschiedener Umstände, die in Ansatz zu bringen wir zur Zeit
allerdings noch nicht berechtigt sind, betreffs des Sandmaterials der
Nordsee eine außerordentlich günstige Perspektive sich eröffnet. — —
Findet nun das Sandmaterial der Nordsee beim Bau der Sandbänke Ver-
wendung? Bezüglich der an den südlichen und östlichen Küstengestaden auf-
bereiteten, sowie von der Flußströmung herabgespülten Massen ist man berechtigt,
dies ohne weiteres annehmen zu dürfen. Ob das aber auch hinsichtlich des im
Schoße des Meeres befindlichen Materials der Fall ist? Es wird also zu unter-
suchen sein, ob den hierbei in Betracht kommenden Naturkräften die Fähigkeit,
Sandmassen verfrachten zu können, innewohnt, ob sie an der Böschung unserer
Küste dieselben hinauftransportieren, wie dieser Vorgang sich abspielt und in
welchem Maße die Sandbänke davon berührt werden. Die Faktoren, auf die wir
daraufhin unsere Untersuchung ausdehnen müssen, sind: die Wellen, die
Flutströmung und die Meeresströmung.
Wir wollen dabei zunächst nur die Südküste ins Auge fassen, da Nord-
friesland sich durch seine Lage von ersterer wesentlich unterscheidet.
Zum leichteren und sicheren Verständnis dürfte es geraten erscheinen,
zweier Gesetze vorbemerkend zu gedenken:
1. die Zunahme der Erosionskraft und Transportfähigkeit steht im Ver-
hältnis zu der von irgend einer Seite erfolgten Beengung;
2. die Begegnung zweier sedimentbeladenen Ströme ruft eine Stauung
und damit ein Niederschlagen der Suspensionen hervor — Gesetze, denen wir
in nachfolgendem auf Schritt und Tritt begegnen.
Die Wellen. Besonders charaktervoll ist die an die Gestade sich stoßende
Welle, die Brandungswelle, von der Wagner*) sagt: »Wir kennen unter den
zerstörenden Kräften der Erdoberfläche wenige, die so gewaltig sind wie die
Brandung«. So schaffte sie im Hafen von Wick (Schottland)®) einen Block mit
seinen Fundamenten im Gesamtgewicht von 18370 Tonnen 10 bis 15 m weit fort
und übt auf den Leuchtturm von. Bell Rock einen Druck von 14700 kg und auf
den von Skerryvore einen solchen von 29700 kg pro qm aus.*) In ihrer größten
Kraftentfaltung ist sie eine feindliche Gewalt, gegen die trotz der heute so hoch-
entwickelten Technik selbst die mit dem größten Scharfsinn und mit ver-
schwenderischem Aufwand errichteten, menschlichen Bollwerke nicht absolute
Sicherheit bieten. Schon in ihrer harmlosesten Gestalt übt sie einen höchst
wirkungsvollen Effekt aus. Und nun vergegenwärtige man sich die von einem
Nordweststurm mit der Windstärke 10 bis 12 aufgewühlte Nordsee!
Unsere Flachküste nun gibt der Brandungswelle eine charakteristische
Gestalt. Das Verhältnis der Wellenlänge zur Wellenhöhe wird nach dem Strande
zu immer kleiner; denn die Wellenlänge ist der einfachen Wassertiefe pro-
portional. Da die Welle nämlich mit der Vorderseite durch das Ufer, im Rücken
durch die nachsetzende neue Woge und ebenso seitlich eingeengt ist, sucht sie
nach der einzig freien Richtung, nach oben, auszuweichen, Aber auch dieses
> Vgl. S. 294.
‘) H. Wagner, Lehrbuch der Geographie, 1908, S. 334,
) = Supan; Grundzüge der physischen Erdkunde. 1911. S. 585
enda.