20 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1912.
Keil bis zum (folgenden Morgen liegen geblieben, aber nur scheinbar, da die
zwischenliegende Abendkarte lehrt, daß sich der erste Keil ostwärts verlagert
hatte und ein neuer Keil über Nacht an die am Abend von einem Depressions-
ausläufer eingenommene Stelle des gestrigen Keils getreten ist; unter diesen
Fällen findet sich einer (11./III. 93), wo am folgenden Morgen oberhalb des
neuen Keils ein Minimum herangezogen ist, das also in dem Gebiet des gestrigen
Keils in normaler Weise gelagert erscheint. In diesen vier Fällen haben wir es
mit einer Verlagerung von Wellenberg zu Wellenberg innerhalb 24 Stunden zu
tun. Nur in zwei Fällen (7./I. 93 und 22./VI. 05) ist ein Keil liegen geblieben; in
dem ersten Fall handelt es sich um ein von Innerrußland bis nach den Azoren
reichendes Hochdruckgebiet, dessen von Skandinavien westwärts reichender
Teil Depressionen über dem Nordmeer und der Biskayasee trennt, im zweiten Fall
um ein von Großbritannien nordwärts reichendes intensives Hochdruckgebiet,
wo der Luftdruck seit dem Vortage stark zugenommen hat, und für beide Fälle
erscheint es zweifelhaft, ob die in Betracht kommenden Luftdruckgebilde wirklich
als Ausläufer und Keile aufgefaßt werden können. In einem Fall (28./IL 94) ist
gine ganz abweichende Entwicklung eingetreten, die mit dem Heranziehen einer
neuen Depression von Westen in Verbindung steht. Scheiden wir sieben Fälle
aus, wo keine eigentlichen Keile in Betracht kommen, so verbleiben 22, von
denen also in 13 Fällen die normale Verlagerung der Tiefdruckgebiete, in vier
Fällen eine etwa halb so schnelle und in vier Fällen eine etwa doppelt so schnelle
Verlagerung der Gebilde aufgetreten ist, während nur in einem Falle eine ab-
weichende Entwicklung stattgefunden hat.
Dieses Ergebnis der Durchsicht der von Vincent angegebenen Fälle
deckt sich mit meinen bisherigen Erfahrungen, daß neben der am häufigsten
innerhalb 24 Stunden auftretenden normalen Verlagerung von Wellenberg zu
Wellental und umgekehrt, die kurz als normale Verlagerung bezeichnet werden
soll, nicht selten halb- und doppelt so schnelle Ortsveränderungen (diese also
von Wellenberg zu Wellenberg und Wellental zu Wellental) bei den Hochdruck-
keilen und Tiefdruckausläufern beobachtet werden,
Daß diese Erscheinung nicht unmittelbar und auf mechanischem Wege
zu erklären sein möchte, muß Vincent ohne weiteres zugegeben werden, sie
dürfte kaum anders als eine Folge von Wellenbewegungen zu deuten und als
solche zu erklären sein, Auffallend ist die Erfahrung, daß der nach 24 Stunden
eintretende Verlauf der Isobaren sich nicht selten, wie es mir scheint, durch
Störungen im Verlaufe der heutigen Isobaren, z. B. durch stellenweise auf-
tretende Einbeulungen der Hochdruckgebiete, durch auffallende Unregelmäßig-
keiten in der Anordnung der Abstände der Isobaren voneinander, angedeutet
zu finden scheint — woraus sich nebenbei die überhaupt zu betonende
Wichtigkeit ergibt, auf die Zeichnung der Isobaren die möglichste Sorgfalt zu
verwenden. Keineswegs hat man stets Hochdruckkeile zur Verfügung, um die Orts-
veränderung der Minima und Ausläufer zu beurteilen; zu diesem Zweck genügen
aber in vielen Fällen auffällige Knickungen im Verlaufe der einschließenden
Isobaren. In Fällen, wo die Isobaren gleichmäßig verlaufen, wie beispielsweise bei
einer ovalen von Nordskandinavien bis nach den Alpen reichenden geschlossenen
Depression zwischen ausgedehnten Hochdruckgebieten im Westen und Osten,
fehlen nicht selten Anzeichen, um die Wandlung der Druckverteilung nach dem
neuen Prinzip beurteilen zu können.
Hier möge die Frage eingeschaltet werden, wie es möglich gewesen ist,
daß Guilbert, dem ein scharfer Blick für die Wetterkarten nicht abgesprochen
werden kann, das Weiterrücken der Hochdruckkeile nicht erkannt hat. Der
Grund liegt offenbar darin, daß diese Keile zufolge seiner Theorie zerstört
werden mußten und daß ihn diese Vorstellung in der Erkennung der wahren
Verhältnisse befangen machte, Aus demselben Grunde mußte ihm aber auch
die entsprechende Verlagerung der Keile hohen Drucks nach den vorangehenden
Tiefdruckgebieten bzw. deren Ausläufer verborgen bleiben, die eine notwendige
Ergänzung bilden muß, falls jene Verlagerung der Depressionen und ihrer Aus-
läufer zutrifft.