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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee. 9285 
der Kalkküste von Calvados nach der Seine-Bucht, westlich von Honfleur führt;!) 
so ist die Verfrachtungsmöglichkeit bezüglich der französischen und englischen 
Küste in Anbetracht der Richtung und Kraft der an ihr hinstreichenden Flut- 
strömung: und Brandungswelle?) und der Seichtheit des Meeresgebiets eine weit 
günstigere. Die Wanderungsrichtung dürfte sich in der auffälligen Sortierung 
bezüglich der Größe des Kieses kund tun: trifft man nämlich bei Dieppe noch 
den gröberen Kies, so begegnet er uns bei Boulogne unter starker Beimengung 
von Feuersteinstückchen in kleineren Fazies, während unweit Calais den noch 
kleiner gewordenen Steinchen schon große Sandmassen beigemengt sind; Dün- 
kirchen zeigt hingegen nur noch Sandablagerungen.) Die von G. v. Zahn‘) 
an den Küsten der Bretagne gemachten Spezialstudien bestätigen die Transport- 
richtung. Bei Hagen?) lesen wir, daß der Kies’ von Westen nach Osten 
wandert; Krümmel®) behauptet solches sogar von den Feuersteinknollen, 
Kurz: Für die Speisung des Sandreservoirs der Nordsee kommen 
auch die französischen und englischen Kanalküsten in Betracht. — 
Als ständigen Zeugen der so überaus wechselvollen Wandlungen des 
Gebietes lernen wir den Rhein kennen, dem vor der Bildung der Nordsee 
alle heute selbständigen Nordseeflüsse tributpflichtig waren. Im FPliocän 
mündete er irgendwo in der Höhe von Norfolk in einer see- und sumpf- 
reichen Deltalandschaft, An der Ostküste Englands setzten er, sowie später 
die schrittweise aus seinem Tribut entlassenen Flüsse ihre ungeheuren 
Schottermassen in einer Mächtigkeit von vielen Metern ab,% ein 
Prozeß, der sich noch heute unter unsern Augen nicht allein bezüglich 
des Rheins, sondern auch der seit der Bildung der Nordsee im Frühalluvium der 
Selbständigkeit sich erfreuenden anderen Flüsse vollzieht. — — 
ß) Die Inselreihe. Über ihre Entstehung liest man die sich widersprechend- 
sten Ansichten: Einer’) spricht sie als marine Schöpfungen an, die durch An- 
schwemmung von Sandmassen an die Diluvialerhebungen des Festlandes gebildet 
wurden, ein anderer®) betrachtet sie als kontinentale Abgliederungsinseln, Es 
kann jedoch nicht unsere Aufgabe sein, dieser Frage, deren Erörterung einen 
sehr umfangreichen Apparat erfordert, der. den Rahmen der vorliegenden Arbeit 
weit überschreiten würde, auf den Grund zu gehen, 
Wahrscheinlich bildeten die Inseln in alten Zeiten eine zusammenhängende 
Dünenkette, nur durchflossen von den größeren Flüssen, Denn der ganzen Boden- 
gestaltung bei den friesischen Inseln und im ausgedehnten Wattengebiet ist nach 
Krümmel erst durch die Gezeitenströmung der charakteristische Typ aufgedrückt 
worden.®) Die säkulare Senkung, von der die Dargschichten unter der Marsch 
und die submarinen Wälder und Moore Zeugnis ablegen, .sowie der nach 
Browne an der Schwelle der historischen Zeit, nach Walther vor 6000 bis 8000 
Jahren erfolgte Durchbruch des anglo-französischen Isthmus, ferner der stärkere 
Flutwechsel, der ja erst nach diesem Ereignis besonders in die Erscheinung 
tritt, machten ihre verheerenden Einwirkungen auf die Dünenkette geltend: von 
der Kanalbildung an datiert der Kampf um ihr Dasein — mit welchem Erfolg, 
ergibt der traurige Anblick der kümmerlichen Relikten jener ehemals nicht 
unbeträchtlichen Dünenkette. Bildete doch nach Hahn,1°%) Hagen!l) und einer 
Reihe anderer Fachleute1?) die 20 m-Isobathe die damalige Grenzlinie der Dünen- 
A. Supan, Grundzüge d. phys. Erdkunde, 1911. S, 597. 
Vgl. S. 287 ff. 
Vgl. Hagen, Wasserbau, II, 1, S. 213, 
G. v,. Zahn, Die zerstörende Arbeit usw. 
, Petermanns Mitteilungen, Jahrgang 1889, S, 132, 
” Siehe Browne, Contemporary Review, 1893. (Vgl. Globus, 1894, Band 65.) 
802. 8 7 Vgl. Forschung zur deutschen Landes- und Volkskunde von A. K irchhoff, Bd. 6, 
1892, S. 254. 
8) Vgl. R. Haage, Die deutsche Nordseeküste, 1899, S. 48ff, 
9% Vgl. Petermanns Mitteilungen 1889, S. 129ff, Ü 
1) Hahn, Untersuchungen über das Aufsteigen und Sinken der Küsten, 1879, S. 170. 
u) Hagen, Wasserbau, . 
12) Vgl. Forschung zur deutschen Landes- und Völkerkunde von A. Kirchhoff, Bd. 6 
1892. SS 550 {.
	        
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