280 . Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1912,
Während des etwa halbstündigen Stillstandes, bei dem Süß- und Salzwasser sich
mischen, spielen sich interessante, sehr wichtige Vorgänge ab, die für die Schlick-
bildung von grundlegender Bedeutung sind, teils mechanischer, teils chemischer
Art. So schlagen sich einerseits die sowohl im Fluß- als auch im Flutwasser sus-
pendierten anorganischen Bestandteile nieder, andererseits finden während oder,
besser gesagt, infolge der Süß- und Salzwassermischung Neubildungen organischen
Charakters statt. Es vollzieht sich nämlich mit der Mischung der beiden Wasser-
arten zu Brackwasser das Ausscheiden der kalkhaltigen Stoffe der für unser
Auge nicht wahrnehmbaren Salz- und Süßwasserinfusorien.!) Die Mischung ist
also von einem großen Sterbeprozeß begleitet. Die Lebensbedingungen für die
im Süß- als auch im Salzwasser lebenden Infusorien und andere Lebewesen,
Diatomeen, Globigerinen, Ostrakoden usw., sind beiden Arten nur in dem ihnen
von der Natur zugewiesenen Element gegeben; sobald sie in das andere Element
geraten, sterben sie und sinken zu Boden. Dieser Sterbeprozeß läßt sich chemisch
so erklären: Die im Süßwasser in gelöstem Zustande enthaltene Humussäure
geht eine Verbindung ein mit den Basen der Meeressalze, der Kalkerde und
Talkerde; die Infusorien bilden deshalb die Niederschläge dieses chemischen
Ausscheideprozesses und liefern so den Schlamm, das wichtigste Bindemittel für
die Sandmassen und übrigen Stoffe, die Meer und Fluß in den Mündungen an-
häufen. Die humussauren Salze bilden den Hauptfaktor für die Entstehung
des Schlicks, Treffend bezeichnet man deshalb das Brackwassergebiet als das
chemische Laboratorium für die Geologie der Marschen (Haage) und diese
zum großen Teil aus jenen Niederschlägen bestehenden fruchtbaren Gebiete als
große Friedhöfe. So beträgt nach Prestel?) der Prozentsatz der organischen
Bestandteile im Schlick des Emder Hafens 3/s, während Ehrenberg ihn auf '/,o
des Volumens berechnet. Alle diese Vorgänge bieten sich dem Auge durch eine
intensiv schmutzig-graue Färbung des Wassers dar; die Wassermassen scheinen
zu rasten, aber in ihnen spielen sich hochbedeutsame Vorgänge ab.
Wäre man in der Lage, dieselben mit dem Auge betrachten zu können,
so würde man staunen über den Regen an terrigenen und organischen Sedimenten,
die sich hier niederschlagen, Einen ungefähren Begriff von der Menge der
Schwemmstoffe bietet ein von Beyer3) angestelltes Experiment: er hatte an der
Ostseite von Sylt im Watt bei Keitum, eine Zigarrenkiste ohne Deckel so in den
Schlick hineingestellt, daß sie zur Hälfte darüber hinausragte und bei normalem
Wasserstand nur zur Zeit der höchsten Flut unter Wasser stand. Nach 20 Tagen
hatte sich die Kiste schon bis zu einer Höhe von fast 3 cm mit reinem Schlick gefüllt,
was also pro Tag 1!/, mm ausmacht. Das würde fürs Jahr bei normalem Verlauf
rund über 1!/„ m ergeben. In der Brackwasserzone dürfte jedoch der Schlick-
ahsatz noch bedeutend größer sein; denn einmal konnten nur die in den Ober-
partien der höchsten, schon in relativ ruhigem Zustande befindlichen Flut
suspendierten Stoffe in die Kiste hineingelangen, während doch der Schlickgehalt,
wie die Hagensche Tabelle%) zeigt, bei jeder Stromphase mit der Tiefe zunimmt,
und zum anderen ist die Schlickbildung infolge der geringeren Süßwasserzufuhr
hier minimal, so daß es sich in nicht geringem Prozentsatz um angeschwemmte
Schlickmassen handeln kann. Für unsere Flußmündungen dürfen wir annehmen,
daß das Flutwasser ebenso viele Senkstoffe heranträgt als bei Sylt; wenn wir
dann bedenken, daß dieses Quantum noch durch die Suspensionen des Fluß-
wassers und die Neubildungen im Brackwassergebiet vermehrt wird, so würden,
falls nicht die Ebbeströmung einen Teil hinausbeförderte und der Flutstrom,
dessen Erosionskraft gerade durch die Einengung Steigerung erfährt, tiefe
Fahrrinnen einnagte, unsere Flußmündungen verschlammen und gewaltige Deltas
aufbauen. Ein Teil wird zwar auf den See-, Fluß- und Buchtenwatten. deren
1) Diese, sowie die nachfolgenden Erörterungen über den chemischen Ausscheideprozeß sind
Haage, Die deutsche Nordseeküste, entnommen, Diss, Leipzig 1899, S. 47, 48.
?) Prestel, Boden und Klima von Ostfriesland, Emden 1870.
90 %) A. Beyer, Untersuchungen über Umlagerungen an der Nordseeküste, Diss. Erlangen
1901, S. 34.
‘ Siehe S. 279 und 299.