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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1912.
Die Nordsee hatte schon von alters her, wie uns die alten Historiographen:
Pytheas!) aus Massilia (4. J.), Ephoros?)' (um 350 v. Chr.), Aristoteles®)
(Lehrer Alexanders d, Gr., geb. 384), Kleitarchos*) (derselben Zeit angehörig),
Hekataios®) (zu derselben Zeit), Philemon®) (ein zur selben Zeit lebender
Dichter), Plinius®) (+ 79 n. Chr.), Tacitus’) (* vor 120 n. Chr.), Caesar®)
(+ 44) u. a. berichten, einen höchst unruhigen und unberechenbaren Charakter,
der ihr die heute im Volksmunde übliche Bezeichnung »Mordsee« eingetragen hat:
wir hören von den Verheerungen, die sie anrichtete, von der Zerklüftung der
Küstengelände, die in dem Worte »aestuarium«, einer alten Prägung, ihren
Ausdruck findet, von dem hartnäckigen Kampf, den der Anwohner mit ihr
führte, — alles Züge, die uns ganz und gar neuzeitlich anmuten,
Es kann nun zwar nicht unsere Aufgabe sein, alles Material der späteren
Geographen und Historiker auch nur summarisch an dieser Stelle niederzulegen,
indes glauben wir einen Punkt nicht übergehen zu dürfen: den erfreulichen Ausbau
der Kartographie,% die sich auch auf das Nordseegebiet erstreckte, wohin die
aufflutende Kultur, der aufblühende Handel mehr und mehr ihre Wellen schlugen.
Während im Mittelalter der mönchische, im 14. und 15. Jahrhundert der italienische
und im 16, Jahrhundert der portugiesische und spanische Einfluß der Kartographie
den Stempel aufdrückte, übernahmen erst von der Mitte des 16. Jahrhunderts
ab die Niederdeutschen die Leitung, besonders die Holländer. Geradezu epoche-
machend waren die in fünf Sprachen erschienenen Werke des Holländers Lucas
Janß Waghenaer aus Enkhuizen: »Spiegel der Zeevart 1584 bis 1615« und
‚Tresor der Zee-Vaert 1592 bis 1609«, so daß alle Werke des 17, Jahrhunderts
unmittelbar auf seinen Schultern standen und ein Seeatlas lange Zeit kurz die
Bezeichnung »Waghenaer« führte. Von den deutschen Küstenstädten der
Nordsee brachten besonders Hamburg und Bremen wegen ihres ausgedehnten
Handels den seemännischen Wissenschaften ein großes Interesse entgegen.
Technisch gebildetem Personal, dem in Bremen ein Barsemeister vorstand, war
die sorgfältige Bearbeitung dieser Materie in die Hände gelegt. Die Seewarte
wurde ins Leben gerufen. Die Kapitäne der Kriegs- und Handelsmarine unter-
breiten der Behörde ihre Beobachtungen. Alle diese Ergebnisse finden ihren
Niederschlag in den von der Reichsmarine herausgegebenen Segelhandbüchern
und Seekarten. Die Kartographie erfreut sich erst besonderen Aufschwungs
und absoluter Zuverlässigkeit, seitdem die deutsche Admiralität sich ihrer an-
genommen hat.
Die Karten sind von den Anfängen an fast ohne Ausnahme in Schwarz-
druck gehalten. Die Sandbänke sucht man durch Tiefenlinien, Isobathen, in
Höhenabständen von etlichen Metern von der Umgebung abzuheben, Auf den
neuesten Karten zeichnet man die Watten in den der Wirklichkeit entlehnten grauen
Tönen, während man von da ab von Isobathe zu Isobathe in immer heller
werdenden Schattierungen zur weiß gehaltenen See übergeht. Außerdem sind
überall die Tiefen in Metern angegeben, Die Seekarten sind jedoch nur
Augenblicksbilder; denn da der Bodenbelag einer ständigen Umlagerung unter-
worfen ist, so ist das natürliche Bild nicht selten schon ein anderes, ehe die
gefundenen Meßwerte auf die Karte übertragen worden sind, eine Erscheinung,
der die Seekarten mit einer Bemerkung Rechnung tragen, die dem Seemann
wegen der dauernd und oft in beträchtlichem Maße sich zeigenden Veränderungen
größte Vorsicht anempfiehlt. —
» Seine Tagebücher sind verloren gegangen; Fragmente sind uns erhalten in Plinius IE und
bei Stra 10 (68 v. bis 24 n. Chr.) in seinen 17 Büchern »Pewygagpınds.
* Strabo VII, 2. Ephoros. F. H. 6.
Ethica ad Eudem, III, 6.
Strabo VII, 2.
Plinius IV.
Historia naturalis.
Annales,
Bellum Gallicum,
3) Vgl. Behrmann, »Niederdeutsche Seebücher usw.« im Jahrbuch für die Geschichte des
Großherzogtums Oldenburg, 1909.