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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1912, 
Die von Leß!) empfohlene spätere Verwertung der Wetterfunkennachrichten vom 
Ozean durch eine nachträgliche Ermittlung der Luftdruckverteilung über dem 
Ozean westlich von Europa als Ergänzung der Wetterkarten vom zweit- oder 
drittletzten Tage dürfte nur in den seltensten Fällen Vorteile für die Wetter- 
vorhersage ergeben; zufolge Mey% vermag die Wetterkarte von Europa mittels 
der Beobachtungen auf den Azoren, Island, den Farör-Inseln und von Corußa 
unter Beachtung des Prinzips der Stetigkeit der Luftdruckumlagerungen sehr 
wohl über den Osten des Nordatlantischen Ozeans täglich derartig ausgedehnt 
zu werden, daß die Abweichungen von der durch Funkentelegramme fest- 
gestellten Druckverteilung im allgemeinen für die Wettervorhersage bedeutungs- 
los sind. 
Ein sehr merkwürdiges Ereignis in der Geschichte der Wettervorhersage 
trat im Jahre 1905 ein, indem die belgische Gesellschaft für Astronomie, 
Meteorologie und Geophysik bei Gelegenheit der in jenem Jahre in Lüttich statt- 
findenden internationalen Ausstellung ein internationales Wetterprognosen- 
tournier nach Tüttich für den Monat September berief, auf dem den Bewerbern, 
die vom 1. bis 15. September täglich ihre Wettervorhersage für den folgenden 
Tag nach Brüssel an das Komitee geschickt hatten, die Aufgabe bestand, aus 
einer Reihe von einzelnen, zum Teil durch das Los bestimmten Wetterkarten 
die bis zum folgenden Tage innerhalb 24 Stunden zu erwartenden Änderungen 
des Luftdrucks über ganz Europa, den Zug der Depressionszentren, sowie das 
Herannahen und Verschwinden der Hoch- und Tiefdruckgebiete anzusagen; als 
letzter Teil ihrer Aufgabe war eine Darlegung der Theorie der Vorhersagen vor- 
geschrieben. Es handelte sich also um die Vorauserkennung der Wandlung der 
Luftdruckverteilung, und zwar auf Grund einer einzigen Wetterkarte. Aus diesem 
Wettstreit ging der geistige Urheber des Tourniers, Guilbert aus Caen, nach 
einstimmigem Beschluß der Preisrichter als Sieger hervor; seine bereits zu 
Anfang des Wettstreits hervortretende Überlegenheit betraf weniger die all- 
gemeine Vorhersage als die Urwüchsigkeit (Originalite) seiner genauen Ansagen 
in einzelnen Fällen (— im übrigen —) unerwarteter Anderungen. Die Prinzipien 
von Guilbert wurden wohl bald in kleineren Abhandlungen bekannt gegeben 
und des weiteren von Brunhes in einzelnen Veröffentlichungen erläutert. Die 
Regeln von Guilbert waren aber von allem Bisherigen so abweichend und 
eigenartig, ihre Darstellung wohl auch Mißverständnissen ausgesetzt, so daß sich 
Guilbert entschloß, sie in einem umfassenden Buch®) niederzulegen und durch 
Beispiele ihrer Anwendung zu erläutern, 
Guilbert erhebt den Anspruch, auf Grund der in einer Wetterkarte ein- 
gezeichneten Stärke und Richtung der Winde der Stationen mit Ausschaltung 
der Höhenstationen und unter Berücksichtigung der vorangehenden 24stündigen 
Änderungen des Luftdrucks nicht allein die Richtung des Fortschreitens der 
Depressionen, sondern auch deren genaue Lage für den folgenden Tag ein- 
schließlich der Intensitätsänderungen, sowie überhaupt die auf der Wetterkarte 
eintretenden Druckänderungen voraussagen zu können; für die vom Ozean etwa 
heranziehenden Depressionen gewähren ihm die Richtung und Schnelligkeit des 
Zirrenzuges die notwendige Ergänzung. Nach Guilbert vermag sich eine 
Depression nur dann unverändert zu erhalten, wenn ein Gleichgewicht 
zwischen der Stärke der am Erdboden beobachteten Winde (>als Maß 
der auftretenden Zentripetalkräfte«) und der Größe der Gradienten (‚als Maß 
der zentrifugalen Kräfte«) besteht. Ein Überwiegen der einen oder der 
anderen Kraft ruft nach ihm eine Deformation der Depression herbei; 
diese vertieft sich und breitet sich aus, wenn die Winde im Ver- 
hältnis zu den Gradienten zu schwach sind, und füllt sich aus, wenn 
die Winde zu stark sind: bei zu schwachem Wind fällt das Barometer 
1) Leß: Über den Nutzen funkentelegraphischer Witterungsnachrichten vom Atlantischen Ozean, 
‚Das Wetter.« 28, Jahrgang. 1911. 
2) Mey: Über den Nutzen funkentelegraphischer Witterungsnachrichten vom Atlantischen 
Ozean. »Das Wetter.« 285, Jahrgang. 1911. 
3) Guilbert: Nouvelle möthode de prevision de temps. Paris 1909.
	        
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