Jentzsch: Taifun im südchinesischen Meer vom 28, September bis 5. Oktober 1911. 943
beschlossen, auf einem westlichen Kurse beizudrehen, da ein Ausweichen nach
Osten der Nähe des Landes wegen unterbleiben mußte. Das Barometer zeigte
den niedrigsten Stand mit 747 mm. Die Mitte der Depression dürfte um diese
Zeit etwa nördlich in einer Entfernung von ungefähr 180 Sm gelegen haben. Es
wehte jetzt mit Stärke 10 bis 11 aus SW, und in der wilden unregelmäßigen
See und der hohen nordwestlichen Dünung arbeitete das Schiff äußerst schwer
und heftig. Gegen Mittag war die Sonne zeitweise sichtbar gewesen, jedoch nur
schwach und stets nur auf kurze Zeit, kaum genügend, um eine Höhenmessung
vorzunehmen. Nachmittags machte sich bei stets bedecktem Himmel eine
schmierige dunstige Luft bemerkbar. Die heftigen, während der ganzen Nacht
aufeinanderfolgenden Böen waren von’ starken, zeitweise wolkenbruchartigen
Regengüssen begleitet. Abends zeigte sich Wetterleuchten im Norden,
Am 30. IX. morgens schien mit dem Drehen des Windes nach Süden und
dem gleichzeitigen Steigen des Luftdrucks das Wetter besser zu werden. Es
wurde deshalb um 8% V mit voller Maschinenkraft der Kurs nach Norden wieder
aufgenommen. Wind und Seegang nahmen jedoch bei dem mit 9 bis 11 Knoten
Fahrt nach Norden laufenden Dampfer so schnell zu, daß um 4% N in etwa 18°
40’ N-Br. und 118° 50’ O-Lg. das Schiff von neuem beigedreht und mit langsam
gehender Maschine auf einen westlichen Kurs gelegt werden mußte. Es wehte
zur Zeit in den sehr heftigen Regenböen orkanartig aus SSW und in der ge-
waltig hohen See und Dünung arbeitete das Schiff so schwer, daß es sich zeit-
weilig bis zu einem Winkel von 35° bis 40° auf die Seite legte. Das Barometer
zeigte um 6b N den niedrigsten Stand von 747 mm. Die Taifunmitte, die sich in
den letzten 24 Stunden offenbar nur wenig in nordwestlicher Richtung fort-
bewegt hatte, dürfte um diese Zeit im NNW ungefähr 140 Sm entfernt sich be-
funden haben. Die heftigen Regenböen hielten auch während des Nachmittags
und in der darauf folgenden Nacht ununterbrochen an. Auch zeigte sich wieder
Wetterleuchten im Norden.
Am folgenden Morgen des 1.X. war es bei gleichzeitigem Steigen des
Barometers etwas abgeflaut, und um 8% V wurde der Kurs nach Norden wieder
aufgenommen in der berechtigten Annahme, daß die Depression sich inzwischen
wobl weit genug nach W oder NW entfernt haben würde. Der Wind war
zur Zeit SSW, Stärke 8 bis 9 und das Barometer zeigte 751 mm. Es blieb
jedoch stürmisch während des ganzen Tages und der gegen Abend nach Süden
drehende Wind erreichte in den häufigen Regenböen zuweilen Stärke 9 bis 10,
Erst am 2. IX. mit dem Einlaufen in die Formosa-Straße wurde das Wetter
handiger. Der Wind drehte bei gleichzeitigem Steigen des Barometers weiter
nach SSO und die Regenböen wurden seltener. Doch wurde auch noch an diesem
Tage die Windstärke nicht unter 7 geschätzt.
Wie die beigefügten Karten (Taf. 13) zeigen, ist der D. »Sachsen« am
2, und 3. X. parallel mit der Taifunmitte nach N und NO gelaufen, nachdem
er deren Bahn am 2. X. morgens geschnitten hatte, Hierbei: fällt besonders
auf, daß am 2. und 3. X. bei weitem nicht solche stürmische Winde beobachtet
wurden, als vom 29. IX. bis zum 1. X., obschon an den letzteren Tagen die Ent-
fernung des Dampfers von der Taifunmitte nur wenig keiner gewesen sein dürfte,
als später und zumal im allgemeinen im Rücken und an der rechten Seite des
Sturmfeldes die stärksten Winde beobachtet werden. Demnach scheint die
Depression über dem Festlande von China an stürmischer Heftigkeit bedeutend
nachgelassen zu haben; es wird hierdurch eine Ansicht bestätigt, die sich als
Fußnote im »Segelhandbuch für den Indischen Ozean«, Seite 208, findet und in
der ausgesprochen ist, daß der Taifun über dem Festlande von China meistens
sehr bald seine gefahrvolle Stärke und Heftigkeit verliert. Am 3. X. schlägt der
Taifun eine mehr östliche Richtung‘ ein, betritt in etwa 28° N-Br. wieder den
Stillen Ozean und zieht hier in größter Nähe vor dem D. »Sachsen« vorüber.
Bei diesem Dampfer hatte am 3. X. nachmittags der bis dahin steife SW-
Wind an Stärke schnell zugenommen um plötzlich um 6% nachmittags in einer
orkanartigen Bö mit wolkenbruchartigem Regen nach NNW auszuschießen. Die
Taifunmitte dürfte zu diesem Zeitpunkt dicht vor dem Dampfer vorüber nach