Grossmann: Wie steht. es um unsere Wettervorhersage?
größere Bedeutung gewinnen, da die Fälle selten vorkommen, wo wir im Zweifel
sind, ob wir uns auf der rechten oder linken Seite des für den nächsten Tag
als maßgebend erachteten Druckzentrums befinden werden, ;
Auf den vermeintlich geführten Nachweis, daß die starken Richtungs-
änderungen der Piloten fast immer auf die Einwirkung kleinerer Teilzentren
zurückzuführen seien, und die Erfahrung, daß die Witterungsänderungen bei
diesen auffälliger als unter dem Einfluß anderer Druckgebilde sind, gründet
Lehnhardt den Anspruch, daß seine Untersuchung eine Bedeutung für die prak-
tische Meteorologie besitze. Da jedoch die Begründung der beobachteten Piloten-
bahnen an der Hand der Wetterkarten, wie dies die sehr dankenswerte Unter-
suchung‘ zu erkennen gibt, im Einzelfall eine äußerst schwierige Aufgabe ist
und auch die Darlegungen von Lehnhardt im einzelnen gewiß Einwendungen
begegnen dürfen, und da insbesondere auch für die bearbeiteten Pilotenaufstiege
ihre Beziehungen zur gleichzeitigen oder nachfolgenden Witterung nicht in die
Untersuchung einbezogen worden sind, so ist der Untersuchung kaum ein
Gesichtspunkt mit Sicherheit zu entnehmen, unter dem die Beobachtung von
Pilotballons der Wettervorhersage für den folgenden Tag Vorteile,zu, gewähren
vermöchte. >
Während die Regeln von Exner, Börnstein und LehnhaFdt aus der
Feststellung der Luftströmungen in der Höhe Vorteile für die Wettervorhersage
in Aussicht gestellt haben und der erstere ausdrücklich die Kenntnis der in
der Luftsäule herrschenden Temperaturen für entbehrlich erachten konnte,
gelangte Trabert!) im Laufe seiner Untersuchungen zu einigen Regeln, die
auf der Temperatur der Luftsäulen fußen. Im Gegensatz zu Exner, bei dem
die vertikalen Bewegungen in der Atmosphäre zugunsten der horizontalen
wenig zu ihrem Recht gelangen, finden wir bei Traberft eine Zurücksetzung
der Bedeutung der horizontalen Strömungen gegenüber auf- und absteigenden
Bewegungen,
Unter Benutzung der Aufstiege von Lindenberg vom Januar 1909 und
der gleichzeitigen Luftdruckbeobachtungen gelangte Trabert auf Grund
theoretischer Betrachtungen zu dem Ergebnis, daß bei den Zyklonen und
Antizyklonen die Temperaturunterschiede das Primäre seien, daß die warmen
Luftsäulen durch den Auftrieb eine aufsteigende, dagegen die kalten Luftsäulen
eine absteigende Bewegung der Luft zeigen und daß nun durch die vertikalen
Bewegungen erst die Luftdruckdifferenzen geschaffen werden, daß aufsteigende
Bewegung der Luft ein Fallen, absteigende ein Steigen des Barometers hervor-
rufen, und zwar infolge der Volumsänderung der Luft, die bei vertikalen
Bewegungen notwendig eintreten müsse. Eine volle Bestätigung dieser An-
schauungen gewann Trabert”) auf Grundlage der Lindenberger aero-
logischen Beobachtungen aus den Jahren 1903/08, die zu dem Ergebnis führten,
daß 1. der Luftdruck unter kalten Luftsäulen steigt, wobei das
Minimum im Mittel am Vortag, das Maximum am Nachtag eintritt,
2. daß entsprechend unter warmen Luftsäulen der Luftdruck an der
Erdoberfläche fällt, wobei das Maximum meist am Vortage, das Minimum
am Nachtage eintritt, 3. daß auf Luftdruckextreme in der Regel am
ersten oder zweiten Nachtage eine Luftsäule extremer Temperatur,
und zwar auf ein Maximum eine warme Luftsäule, auf ein Minimum
eine kalte Luftsäule folgt, 4. daß nicht der Luftdruck an sich unter
verschiedenen Luftsäulen verschieden erscheine, sondern nur die
Luftdruckänderung, und 5. aus diesem Grunde es wahrscheinlich mög-
lich sein werde, aus Temperaturbeobachtungen in der Höhe einen
Schluß auf die voraussichtlichen Luftdruckänderungen zu ziehen und
so auf die bevorstehende Druckverteilung zu schließen.
l) Trabert: Der Zusammenhang zwischen den Temperaturverhältnissen der Atmosphäre und
dem Druck an der Erdoberfläche, Sitz. Ber. d. Wien. Ak. Bd. 118, II. a. 1909,
; 2) Trabert: Der Zusammenhang zwischen Luftdruck- und Temperaturverhältnissen. Met.
Ztschr. Bd. 27. 1910.