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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

Le 
S 
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1912, 
seiner Bahn rechtsdrehende Winde, auf der linken Seite linksdrehende, und 
diesen Drehungssinn zeigen nicht bloß die am Boden zeitlich aufeinander 
folgenden Windrichtungen, sondern auch die gleichzeitig übereinander statt- 
findenden Luftbewegungen, weil ja die einzelnen Richtungen in der Höhe früher 
als unten aufzutreten pflegen. Man kann also auch umgekehrt aus der 
nach rechts oder links gerichteten Abweichung des oberen vom unteren 
Winde schließen, ob der Beobachter sich auf der rechten oder linken 
Seite der vom gerade herrschenden Druckzentrum eingeschlagenen 
Bahn befindet. Und oft genug ist der rechts- bzw. linksdrehende Wind 
zugleich auch als Anzeichen dafür anzusehen, daß die ganze in der Wetterkarte 
dargestellte Druckverteilung sich mit dem Uhrzeiger bzw. gegen ihn in Drehung 
befindet. Drehen die Winde nach oben also nach links, so soll das gerade 
herrschende Druckzentrum sich so fortbewegen, daß der Beobachter sich auf 
der linken, bei entgegengesetzter Drehung aber auf der rechten Seite der Bahn 
befinden wird. Zur Erhärtung dieser Regel stützt sich Börnstein auf das 
Ergebnis eines Berliner Pilotaufstiegs vom 9, November 1907, der im Gegensatz 
zu den vorangehenden Tagen und dem nachfolgenden ein Linksdrehen der Luft- 
bewegungen mit wachsender Höhe ergeben hatte, Börnstein entnahm aus der 
Wetterkarte, daß Berlin im Gegensatz zu den anderen Tagen auf der linken 
Seite der Bahn des am 9. maßgebenden Luftdruckzentrums gelegen habe. Hier- 
bei hat es sich um einen am Morgen des 9, von Österreich westwärts über die 
Alpen ausgebreiteten, am Morgen von der Isobare 765 begrenzten Ausläufer 
hohen Drucks gehandelt, der sich zufolge Börnstein bis zum (folgenden Tage 
ostwärts zurückgezogen und damit die Regel bestätigt hatte, indem das Druck- 
zentrum entsprechend der am Morgen des 9, über Berlin beobachteten Links- 
drehung diesen Ort auf der linken Seite seiner Bahn gelassen hatte. Hierzu 
möchte ich bemerken, daß 1. am Morgen des 10, noch ein Hochdruckgebiet über 
den Alpen vorhanden war und die Isobare von 763 an diesem Morgen von Nord- 
Österreich nach dem Alpengebiet reichte, der Ausläufer also abgenommen hatte, 
aber noch in seiner Lage vorhanden war, so daß nicht notwendiger eine Orts- 
bewegung eines Druckzentrums vorgelegen hat; 2. die Umwandlung der Wetter- 
lage vom 9. zum 10. auch die Auffassung zuläßt, daß jener Ausläufer wohl an 
Höhe abgenommen, sich aber nordwärts über Süddeutschland ausgebreitet habe, 
während gleichzeitig ein am Morgen des 9. über Mitteldeutschland angedeuteter 
Depressionsausläufer unter Zunahme an Tiefe nordostwärts, Berlin auf seiner 
rechten Seite lassend, vorgedrungen ist, der dann am Morgen des 10. von Süd- 
schweden nach Ostdeutschland reichte. Nach meinem Dafürhalten vermögen die 
von Börnstein angeführten Wetterkarten seine Regel nicht zu erhärten und 
vermag deren theoretische Begründung nicht zu überzeugen, Jüngst hat es 
Lehnhardt!) unternommen, an der Hand von 57 Pilotaufstiegen, die von Januar 
bis Mitte Juni 1911 von der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin ausgeführt 
worden waren, die Abhängigkeit der starken Richtungsänderungen der Pilotbahnen 
von den großen und ausgedehnten Druckzentren sowie von deren Randbildungen 
zu untersuchen. Eine überzeugende Bestätigung der Börnsteinschen Regel ist der 
dankenswerten Untersuchung nicht zu entnehmen und dürfte auch nicht leicht 
zu erbringen sein, da die Deutung der Pilotbahnen große Schwierigkeiten bietet 
und vielfach zu Erklärungen nötigt, die mit unseren üblichen Anschauungen wenig 
in Einklang stehen; so forderte beispielsweise die Bahn eines am 29. März 1911 
bis 8100 m Höhe aufsteigenden Pilotballons die Annahme eines bis zu dieser 
Höhe reichenden Teilminimums, das auf den Wetterkarten der Seewarte nicht 
zu bemerken war und erst nach Vervollständigung der Karte durch Hinzu- 
fügung von mehr Stationen der Umgebung hervortrat und zu verfolgen war. 
Eine Hauptschwierigkeit für die Prüfung der Börnsteinschen Regel an der 
Hand der Wetterkarte besteht darin, daß in der großen Mehrzahl der Fälle 
gleichzeitig mehrere Druckzentren vorhanden sind und sich gleichzeitig ver- 
schieben. Für die Wettervorhersage könnte jene Regel im übrigen kaum eine 
4 Lehnhardt: Über einige Pilotaufstiege. »Das Wetters. 28. Jahre. 19121.
	        
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