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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

Schepp, F.: Reise des deutschen Dreimastschuners »Bolivar« von Hamburg nach Santos usw. 149 
Bucht von Santos ein. Wegen plötzlich aus NW aufkommenden Windes mußten 
wir bei der Insel Palma ankern. Hier kam auch schon der Lotse an Bord, und 
abends um 51/,® der Schlepper »Santos« längsseit, der das Schiff nach Santos 
schleppte, woselbst wir um 7!/,® auf der Reede ankerten. 
Den früheren Bestimmungen entgegen dürfen Schiffe jetzt auch nach 
6h abends in den Hafen holen, müssen aber ihre Nationalflagge zeigen, Zur 
Zeit war nur eine Schleppdampfergesellschaft am Platz, es ist die Firma Wilson & Co., 
die Schiffe nach festem Tarif schleppt. »Bolivar«, von 230 R.-T. Nettogröße, be- 
zahlte für Ein- und Ausschleppen und sämtliche Schlepparbeiten im Hafen 15 £. 
Auch liefert diese Firma den Ballast; für Steinballast bezahlt man 5 Milreis pro 
Tonne. Der Ballast wird an Wilsons Werft mit einem Dampfkran übergenommen, 
was sehr schnell geht. Deutscher Schiffshändler ist jetzt die Firma »Reines & 
Bark«, die einen ausgedehnten Betrieb hat und auch die größeren Dampfer- 
reedereien bedient, 
Am 29, April verließen wir Santos in Ballast. Am ersten Tage hatten wir 
flauen südöstlichen Wind, der jedoch schon am andern Tage mehr östlich holte 
und am 1, Mai abends durch N und W nach $SSO drehte und bis Stärke 5 zu- 
nahm, womit es möglich war, rasch von der Küste abzuxommen und die erfor- 
derliche Länge anzuholen. Am 5. Mai, als das Schiff auf 24.6° S-Br. und 34.7° 
W-Lg. stand, flaute der Wind wieder ab und holte nordöstlich, so daß wir wieder 
viel von der gewonnenen Länge einbüßen mußten. Nach Mallung und Wind- 
stillen kam in 23.2° S-Br, und 26.6° W-Lg. der SO-Passat durch, der frisch und 
steif wehte und das Schiff in rascher Fahrt nordwärts brachte, Am 21, Mai 
wurde auf 33.4° W-Lg. am 22. Tage der Reise von Santos die Linie überschritten, 
Nicht weniger als 8 Tage wurden gebraucht, um durch das Stillengebiet zu ge- 
langen. Auf 4° N-Br. und 35° W-Lg. setzte der NO-Passat ein, der allmählich 
bis zur Stärke 5 auffrischte. Am 5. Juni wurde Barbados gesichtet. Es wurde 
der Kurs zwischen Santa Lucia und St. Vincent genommen, Am Mittag. des 
6. Juni passierten wir diese Inseln, und am 9. Juni befanden wir uns in Sicht 
von Curacao, am Abend bei Oruba, das an seiner Nordspitze umsegelt werden 
mußte, weil nachmittags bei diesiger Luft das Land zu spät ausgemacht werden 
konnte. In der Nacht vom 9. zum 10. Juni liefen wir in den Golf von Venezuela 
ein. Wir hielten die Ostseite der Bucht, Am folgenden Morgen kam das Land 
in Sicht. Unter beständigem Loten liefen wir mit SW-Kurs auf die Küste zu, 
bis 6 Faden Wassertiefe erreicht wurde, sodann steuerten wir unter stetigem 
Gebrauch des Lotes westlicher, bis um 2b N das Fort San Carlos’in Sicht kam, 
Hierauf erhielten wir bald von einem Lotsenkutter zwei Lotsen, die jedoch mit 
unserm Boot geholt werden mußten, und gingen unter deren Anweisung über die 
Barre. Um 51/3 N ankerten wir in der Nähe des genannten Forts. Die Reise- 
dauer bis hier betrug 42 Tage. 
Bei der Ansteuerung ist wohl zu beachten, daß das Land sehr niedrig ist 
und keine besonders guten Landmarken vorhanden sind. Die beste Marke ist 
ein auf der Barre vor etwa 12 Jahren gestrandeter Schuner, Hat man diesen 
ausgemacht, so steuere man auf etwa 4 Faden Wassertiefe so lange westwärts, 
bis derselbe in der Einfahrt frei vom .Lande peilt, dann wird man auch das 
weiße Fort San Carlos sehen, ebenso etwas mehr östlich davon eine Ruine, die 
auf der Westspitze der Insel Zapara steht und von dunkelbrauner Färbung ist, 
Diese Ruine ähnelt von weitem mehr drei nebeneinander stehenden Tanks, wovon 
der mittlere der höchste ist. Auf Fort San Carlos wehte beständig die Flagge 
von Venezuela, Nachts einzulaufen ist nicht gut möglich, da keinerlei Leucht- 
feuer vorhanden sind. Man tut gut, sich so einzurichten, daß man bei Tag- 
werden in der Südostecke dicht unter Land steht, um bei Tagesanbruch west- 
wärts segeln zu können, Es ist nicht ratsam, in der Bucht zu ankern, da nachts 
gewöhnlich steife Brise aus NO weht; besser ist es, wenn man das Schiff in der 
Bucht unter Segel hält. Die Glockentonne, die in der Karte auf der Baire bei 
der passierbaren Stelle angegeben ist, war nicht vorhanden. Sehr, wünschenswert 
wäre es, wenn hier ein Seezeichen ausläge, Nach Aussagen der Lotsen soll ihr 
Kutter jedem in Sicht kommenden Schiffe entgegenfahren, was ich jedoch be-
	        
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