Kohlschütter, E.: Betrachtungen über Höhenstandlinien im allgemeinen und ihre Anwendung usw. 69
Breitenmethode, daß sie dieselbe Länge haben. Bei der Höhenmethode übernimmt
also der Winkel am Gestirn (obwohl er selbst in der Rechnung gar nicht vorkommt)
die Rolle, die Breite und Länge bei den beiden anderen Methoden innehaben,
Sollen Längen- oder Breitenmethode nicht als Tangenten- sondern als Sehnenmethoden
behandelt werden, so werden die beiden Bestimmungspunkte dadurch
gefunden, daß nicht Breite oder Länge des gegißten Ortes selbst in die Rechnung
eingeführt werden, sondern je zwei Werte dieser Koordinaten, die den dem
gegißten Orte entsprechenden Wert einschließen, Will man auch bei der
Höhenmethode diesen Übergang machen, so müssen dem vorstehenden entsprechend
die beiden Bestimmungspunkte (B, und B, Figur 2) der Standlinie mit
zwei Werten des Winkels am Gestirn (q, und q,) berechnet werden, die den dem
gegißten Ort entsprechenden Wert einschließen, Dieses Verfahren würde | die
Höhenmethode mit Konstruktion der Standlinie als Sehne sein. Es braucht hier
nicht weiter dargelegt zu werden, weshalb dies Verfahren für die maritime
Navigation ungeeignet ist. Für die Navigation im Ballon nach einem Gestirn
hat es jedoch mehrere Vorzüge, wie sogleich gezeigt werden soll. Vorerst sei
noch darauf hingewiesen, daß der Name Höhenmethode dafür nicht geeignet ist,
denn es werden gar nicht mehr die Höhen, wie bei dem ursprünglichen Verfahren
Marcq St. Hilaires berechnet, sondern Breite und Länge der Bestimmungspunkte.
Ferner trifft der Name »Höhenmethode« überhaupt nicht den
Grundgedanken der Methode, der sich, wie oben gezeigt worden ist, viel mehr
an den Winkel am Gestirn anschließt und an den wahrscheinlichen Schiffsort,
sondern ist von dem mehr äußerlichen Umstand abgeleitet, daß zur Konstruktion
des wahrscheinlichen Ortes die gegißte Höhe berechnet wird. In der maritimen
Navigation dürfte es indessen nicht mehr möglich sein, den Namen »Höhenmethode«
durch einen charakteristischeren zu ersetzen; für die a@rische Navigation
möchte ich dagegen den Namen »Methode der Variation des Winkels am Gestirn«
vorschlagen, worin auch gleich zum Ausdruck kommt, daß zwei Bestimmungspunkte
berechnet werden, daß die Standlinie also als Sehne und nicht als Tangente
gefunden wird. In meinem ersten Aufsatz!) habe ich diesen Namen bereits gebraucht
und dementsprechend auch die als Sehnenmethode benutzte maritime
Breitenmethode mit dem Namen »Variation der Länge« und die ebenfalls als
Sehnenmethode benutzte maritime Längenmethode, also die ursprüngliche Sumnermethode,
mit dem Namen »Variation der Breite« bezeichnet. In diesen Namen
ist meines Erachtens das wirklich Charakteristische der einzelnen Verfahrungsweisen
zum Ausdruck gebracht. : ;
Oben ist gesagt worden, daß die »Methode der Variation des Winkels am
Gestirn«, die auf See wenig zweckmäßig ist, für die Ortsbestimmung im Ballon
nach einem Gestirn mehrere Vorteile bietet. Das hängt hauptsächlich damit zusammen,
daß in diesem Falle die Definition des wahrscheinlichen Ballonortes eine
andere ist. Der gegißte Ballonort ist sehr viel unsicherer als der gegißte
Schiffsort, weil die öfters, besonders in verschiedenen Höhenlagen auftretenden
Änderungen in der Windrichtung und der Windstärke bei unsichtiger Erde, wobei
die astronomische Navigation allein in Frage kommt, nicht erkannt werden
können. Daher trifft die auf See immer richtige Voraussetzung, daß der wahre
Schiffsort sich in der Nähe des gegißten Ortes befindet, für den Ballon nicht zu.
Während daher auf See der dem gegißten Ort am nächsten gelegene Punkt der
Standlinie ebenfalls in der Nähe des wahren Ortes liegt und daher als wahrscheinlicher
. Schiffsort bezeichnet werden kann, ist dies bei der Ortsbestimmung
in der Luft nicht der Fall, da der gegißte Ort nicht oder nur in sehr viel
geringerem Maße einen Anhaltspunkt dafür abgibt, auf welchem Teil der Höhengleiche
der gesuchte Ort liegt, Statt dessen tritt im Ballon die Peilung des
Gestirns mittels des Peilkompasses ein. Sie steht an Genauigkeit der Höhenmessung
im allgemeinen zwar sehr nach, aber abgesehen von einigen. extremen
Fällen wird der der gemessenen magnetischen Peilung entsprechende Ort der
Höhengleiche in der Nähe des wahren Ballonortes liegen. Es ist daher gerecht-1)
Einheitliche Methoden für die astronomische Ortsbestimmung im Ballon. »Ann. d. Hydr. usw.«
Bd. 37 8. 449, Oktober 1909.