576 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1910.
direkt übertragen lassen. In mancher Hinsicht wird das Verfahren einfacher
und übersichtlicher; Ausnahmefälle, in denen die Methode versagt, existieren
nicht, ausgenommen sind natürlich die Fälle, in denen die Ortsbestimmung an
sich illusorisch wird, Die folgenden Betrachtungen werden in knapper Darstellung,
die auf Vollständigkeit keinen Anspruch erhebt, den Anwendungsbereich der neuen
Methode zu umfassen suchen,
Das Rüstzeug, das der Beobachter zur vollständigen Ortsbestimmung am
Tage oder bei Nacht braucht, besteht einmal aus den zur Anstellung der Beob-
achtungen notwendigen Instrumenten, sodann aus den teils instrumentellen, teils
rechnerischen Hilfsmitteln, die zur Auswertung der Beobachtungen erforderlich sind.
Als Beobachtungsinstrumente kommen in Betracht ein Höhenmeßinstrument,
Libellenquadrant oder Sextant, ein Peilkompaß und ein Chronometer, Mit Rück-
sicht auf die Schwierigkeit astronomischer Messungen an Bord eines Schiffes
oder im Ballon ist es nicht angebracht, große Anforderungen an die Genauigkeit
einer nautischen oder aeronautischen Ortsbestimmung zu stellen. In der Nautik
wird die Position eines Schiffes auf etwa 2.5 km genau bestimmt; in der Aeronautik
genügt schon die Kenntnis des Ballonortes bis auf etwa 10 km. Dementsprechend
sind die Höhen der Gestirne in der Nautik auf etwa 1 Bogenminute genau zu
messen, in der Aeronautik auf etwa 5 Bogenminuten. Zu dem am Instrument
abgelesenen Höhenwinkel ist der Indexfehler hinzuzufügen, der die Abweichung
der am Kreise abgelesenen Höhe von der richtigen Höhe bezeichnet. Außer
diesem für jedes Instrument verschiedenen Indexfehler ist für die Wirkung der
Strahlenbrechung in der Atmosphäre die Refraktionskorrektion stets negativ an
die Höhe anzubringen. Bei dem Mond kommt noch wegen der Nähe unseres
Satelliten zur Erde eine Korrektion für Parallaxe hinzu.
Der Peilkompaß dient zur Azimutmessung; an der Kreisteilung wird das
magnetische Azimut des Gestirns auf etwa 0°.1 genau abgelesen. Durch An-
bringung der magnetischen Deklination, die aus einer Isogonenkarte für den
betreffenden Beobachtungsort entnommen wird, erhält man das astronomische
Azimut des Gestirns,
Nach jeder Höhen- oder Azimutmessung ist die Beobachtungszeit nach
einem Chronometer bis auf die Zehntelminute genau zu notieren und erst dann
die Kreisablesung am Höhenmeßinstrument oder am Peilkompaß aufzuschreiben,
Es ist zu empfehlen, zwei Chronometer mit sich zu führen, von denen der eine
nach Sternzeit, der andere nach mittlerer Zeit geht. Der Sternzeit-Chronometer
ist vorteilhaft zu benutzen bei den Beobachtungen der Fixsterne, der Planeten
und des Mondes; der Mittlere-Zeit-Chronometer kommt nur für Sonnenbeob-
achtungen in Betracht. Das Mitführen zweier Uhren gestattet eine öftere
Kontrolle; die Angabe des Mittlere-Zeit-Chronometers ist zum Vergleich beider
Uhren in die entsprechende Sternzeit zu verwandeln, und zwar am einfachsten
nach der Formel: Sternzeit gleich Rektaszension der mittleren Sonne plus mittlere
Zeit, wobei die stündliche Änderung der Rektaszension der mittleren Sonne stets
gleich 10 Zeitsekunden angenommen werden kann. Ist der Beobachter nur im
Besitze eines Mittlere-Zeit-Chronometers, so wird die Verwandlung der mittleren
Zeit in Sternzeit erforderlich, was allerdings bei Nacht Unbequemlichkeiten be-
veitet. Die Chronometer sind aus Bequemlichkeitsrücksichten auf die Zeit der
Kartenmitte oder, was nicht minder praktisch sein kann, auf die Greenwicher
Zeit zu halten. Die in Zehntelminuten anzugebende Uhrkorrektion ist an die
Uhrablesung anzubringen.
Zur Auswertung der astronomischen Beobachtungen sind erforderlich außer
dem im I, Teil beschriebenen Instrument eine Tafelsammlung zur Entnahme der
astronomischen Daten und der Einstellungsgrößen des Apparates, ein gewöhn-
licher Rechenschieber zur Interpolation und ein Sinus-Rechenschieber und ein
Kurvennetz nach Herrn Prof. Runge zur Auswertung der Azimutbeobachtungen.?)
1) C. Runge, Über die Ortsbestimmung im Ballon. »Nachrichten der Königl. Gesellschaft der
Wissenschaften zu Göttingen« 1909. Heft 3.