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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

Brill, A.: Über eine neue einheitliche Methode zur nautischen und aeronautischen Ortsbestimmung. 675 
rechneten Azimuts, wenn die Differenz positiv ist, und in der entgegengesetzten 
Richtung, wenn die Differenz negativ ist, abgetragen. Durch den Endpunkt wird 
rechtwinklig zur Azimutrichtung eine Gerade gezogen; diese Gerade ist die Stand- 
linie, auf der sich der Beobachter zur Beobachtungszeit befand. Diese von Marcq 
Saint Hilaire angegebene Höhenmethode verlangt ebenso wie die rechnerische 
Methode die Kenntnis des genäherten Ortes. In der Nautik stimmt der durch 
die Besteckrechnung gefundene Schiffsort meist schon sehr nahe mit dem wahren 
Ort überein; die astronomische Ortsbestimmung dient eigentlich nur zur Kontrolle 
des gegißten Ortes bzw. zur exakten Ermittlung des Schiffsortes. In. der aero- 
nautischen Navigation, in welcher eine Schiffsrechnung nach Kurs und Eigen- 
geschwindigkeit bisher fehlt, ist die Standlinienmethode schwieriger anzuwenden, 
da der zu ermittelnde Ballonort zumeist nicht einmal näherungsweise bekannt 
ist.. Innerhalb eines engen Gebietes kann bei der Konstruktion von Standlinien 
die Azimutrichtung, die sich in der Merkatorkarte als Orthodrome krummlinig 
abbildet, geradlinig in die Karte eingezeichnet werden. Der Unterschied der 
beobachteten und berechneten Höhe wird in dem für den betreffenden Breiten- 
grad gültigen Maßstabe auf der Azimutrichtung vom gegißten Orte aus abgetragen. 
Wenn die Krümmung der Standlinie nicht allzu groß ist, d. h. wenn die beob- 
achtete Höhe etwa 70° nicht. übersteigt, kann innerhalb eines kleinen Gebietes 
die Standlinie durch ihre Tangente ersetzt werden. Will man aber die Stand- 
linien über größere Gebiete zeichnen, so sind die Krümmung der Orthodrome, 
der mit der Breite veränderliche Maßstab der Karte und vor allem die geometrische 
Figur der Standlinie in der Merkatorprojektion zu berücksichtigen. Über die 
Genauigkeit des nach der Höhenmethode von Marecq Saint Hilaire bestimmten 
Ortes läßt sich im speziellen Falle nicht leicht ein Urteil bilden. 
Die im I. Teil entwickelte und instrumentell ergänzte Methode 
der Ortsbestimmung nach der graphischen Methode der Standlinien 
knüpft an die Methode von Marcq Saint Hilaire an und besteht prinzipiell 
nur in einer Erweiterung und Vereinfachung der älteren Methode. Der gegißte 
Ort ist der Mittelpunkt einer Landkarte, deren Durchmesser gleich 15 Breiten- 
grade ist; statt der gewöhnlichen umständlichen Azimut- und Höhentafeln wird 
zur Einstellung des Instrumentes eine kleine für die Kartenmitte gültige Tafel 
benutzt. Wird die Landkarte gewechselt, so ist eine neue Tafel nur dann er- 
forderlich, wenn der Mittelpunkt der Karte auf einem anderen Breitenkreise liegt, 
Das Verfahren der Auswertung der Beobachtungen ist ganz analog dem bei der 
Höhenmethode von Marcq Saint Hilaire angewandten. Für die Beobachtungs- 
zeit werden aus der Tafel Azimut und Höhe des beobachteten Gestirns in der 
Kartenmitte entnommen; beide Größen geben die Einstellung des Instrumentes, 
In der Karte gibt die der gemessenen Höhe entsprechende Standlinie einen geo- 
metrischen Ort für den Beobachterstandpunkt. Grundlegend für die Methode ist 
die Anwendung der azimutalen, zenitalen, mittelabstandstreuen Projektion; die 
Standlinien sind in einem mittleren typischen Verlaufe auf einen Pausleinwand- 
streifen gezeichnet. Die Einstellung .des Unterschiedes der beobachteten und 
berechneten Höhe erfolgt an dem Instrument direkt ohne Rechnung, Das 
Instrument, in das Herr O0. Voigt die Methode kleidet,!) bildet ein vollkommenes 
Analogon zu dem von Herrn P. Hagemann im Jahrgang 1902 der »Ann. d. 
Hydr. usw.« beschriebenen Apparat zur graphischen Darstellung der Standlinien. 
Die Schwierigkeit der Abschätzung eines bei der Ortsbestimmung begangenen 
Fehlers, die einen großen Mangel der oben besprochenen Methoden .bildet, fällt 
bei der neuen Methode ganz weg. Ein etwaiger Fehler ist rein instrumenteller 
Natur; er ist bedingt durch die Größe der Karte und durch die Instrumental- 
fehler, die bei der Einstellung des Instrumentes eingehen, Im IIL Teil, in der 
Theorie des Instrumentes, werden die Fehler ausführlich besprochen werden, 
Naturgemäß wird sich die Lösung der Aufgaben, wie sie nach der Höhen- 
methode von Marea Saint Hilaire durchgeführt wird, auf die neue Methode 
1) O0. Voigt, Ein Beitrag zur astronomischen Ortsbestimmung im Ballon. »Physikalische Zeit- 
schriftx 1910. Nr 15,
	        
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