366 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1910.
Wasser des Mittelmeeres auf der atlantischen Seite der Straße von Gibraltar
herabsinkt bis zu einer Tiefe von etwa 1000 m, wo den seinigen analoge Dichte-
verhältnisse herrschen. In dieser Tiefe breitet sich das Mittelmeerwasser dann
aus und wurde als eine salzhaltigere Zwischenschicht von Nielsen!) bereits 1905
im nördlichen Teile des Biskayabusens und südwestlich von Irland nachgewiesen.
Ein Querschnitt vom Cap de Gata nach Oran zeigt für die Oberflächen-
schichten, in welcher Weise sich das atlantische Wasser im Mittelmeer ausbreitet,
Es stellt sich dar als ein über 100 m mächtiger Strom an der Nordküste Afrikas
von höherer Temperatur und geringerem Salzgehalt (unter 37%), der durch
die Erdrotation in diese südliche Bahn gedrängt wird. Die Strömung muß so
stark sein, daß ein durch die Dichtezunahme nach Norden hin bedingter süd-
nördlicher Strom nicht entstehen kann,
Auch ein Schnitt von Sardinien nach Tunis zeigt noch ein ähnliches Bild,
das nur abgeschwächt ist, da das atlantische Wasser durch Vermischung und
Verdunstung einen höheren Salzgehalt bekommen hat (Sardinien 38°, Tunis
37%,0)- Der Strom wird dann nach Osten hin immer salzreicher infolge der
Verdunstung, so daß wir an der asiatischen Küste 39%. und darüber finden.
Wenn nun im Winter dieses sehr salzhaltige Wasser im östlichen Teile des
Mittelmeeres herabsinkt,?) aber doch nicht bis zu den größten Tiefen gelangen
kann, dann muß in einer mittleren Schicht, infolge hydrostatischen Druckes, weil
in diesem Niveau sich im Westen salzärmeres Wasser befindet, ein Strom nach
Westen zu entstehen. Im Osten ist die Oberflächentemperatur höher als im
Westen, deshalb muß diese Strömung im Westen des östlichen Mittelmeerbeckens
als eine zugleich wärmere und salzhaltigere Zwischenschicht erscheinen,
Anders aber muß die warme und salzreiche Zwischenschicht des westlichen
Mittelmeeres erklärt werden. Daß diese nicht dort selbst entstehen kann, ergibt
sich daraus, daß eine große Anzahl von Wasserproben von der Oberfläche, die,
auf Veranlassung von Dr. Schmidt, späterhin noch von verschiedenen Schiffen
in allen Teilen des westlichen Beckens geschöpft wurden, niemals einen so hohen
Salzgehalt gezeigt haben, wie ihn die Zwischenschicht besitzt. Man muß viel-
mehr annehmen, daß über die Schwelle zwischen Sizilien und Tunis ein ganz
analoges Strömungssystem besteht, wie durch die Straße von Gibraltar, daß also
dem Strome, der sich an der afrikanischen Küste ostwärts schiebt, ein Gegen-
strom von Osten her entspricht, der sich als wärmeres und salzhaltigeres Wasser
des östlichen Mittelmeerbeckens in der Zwischenschicht des westlichen Beckens
kenntlich macht.
Die überall gleichmäßige Temperatur, vor allen Dingen aber der Sauer-
stoffreichtum des Tiefenwassers, der nach unten hin sogar zunimmt, beweisen,
daß auch das Tiefenwasser einer häufigen Erneuerung von der Oberfläche her
unterliegen muß. Die sehr wichtige Frage, auf welche Weise das geschieht, läßt
sich wohl mit dem auf einen kleinen Zeitraum beschränkten Materiale noch nicht
endgültig beantworten. Doch wird als sicher hingestellt, daß der Ersatz von
Tiefenwasser durch Oberflächenwasser im südlichen Teile des westlichen Mittel-
meeres, wo wir an der Oberfläche warmes und zugleich salzärmeres Wasser vor-
finden, nicht durch Konvektion geschehen kann. Dagegen ist ein solcher, sich
bis auf die untersten Bodenschichten erstreckender vertikaler Austausch im nörd-
lichen Teile des westlichen Mittelmeeres, wo die Differenzen zwischen dem Salz-
gehalt an der Oberfläche und dem der Tiefenschichten, sowie auch die vertikalen
Temperaturdifferenzen gering sind, wohl möglich. So hat z. B. eine Messung des
Fürsten von Monaco im Ligurischen Meere gezeigt, daß die Oberflächen-
temperatur um 0.3° niedriger war als die Temperatur am Grunde (2213 m), und
daß durch die ganze Schicht hindurch der Salzgehalt konstant war.
Wenn so die Erneuerung des Tiefenwassers durch Konvektion nur in be-
stimmten Teilen des westlichen Meeresbeckens möglich ist, aber andererseits der
') Medd, fra Komm. for Havunders, Serie Hydrografi Bd. I. No. 9, 1907.
?) Daß dies geschieht, ist durch Makaroff (Le „Vitiaz« et l’ocean pacifique, St. Peters-
burg 1894) nachgewiesen worden, der in der Nähe der kleinasiatischen Küste konstanten Salzgehalt
bis zu 890 m Tiefe fand. .