616 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1910.
des Sternes steht, d. h. wenn dieser größte Kugelkreis mit dem durch den Erd-
ort und den Südpol gelegten Kreis einen Winkel einschließt, der gleich dem
Azimut des Sternes im Erdort ist,
Die Orientierung des Standliniensystems durch Azimut und Höhe eines
Sternes in einem beliebigen Erdort zu einer festen Greenwicher Zeit ermöglicht
es, statt der ganzen Erdkugel nur ein relativ kleines Gebiet der Erdoberfläche
als Grundlage für die Ortsbestimmung dienen zu lassen, Von dem Standlinien-
system kommt dann nur der schmale Streifen einer Kugelzone von der Breite
der Karte in Betracht, der symmetrisch zu einem durch den Mittelpunkt des
Standliniensystems gelegten größten Kugelkreis aus der Hohlkugel ausgeschnitten
ist und die Länge eines Viertelkreisumfanges besitzt,
Um die bisher räumlichen Verhält-
nisse in die Ebene zu übertragen, muß
man eine geeignete ebene Projektion
wählen, die in bezug auf den Punkt der
Erdoberfläche, von dem aus die Orien-
tierung des Standliniensystems erfolgt,
Aazimutal, zenital und mittelabstandstreu
ist. Dieser Forderung wird die azimutale
mittelabstandstreue Projektion gerecht,
in der die größten Kreise durch die
Kartenmitte in gerade Linien übergehen
und in der diese Kreise selbst längen-
treu abgebildet werden. Der Maßstab und
die Größe der Karte richtet sich nach
den Ansprüchen, die an die Genauigkeit
der Ortsbestimmung gestellt werden.
Für die Kartenmitte sind Azimut und
Höhe des beobachteten Sternes nach der
Sternzeit in der Kartenmitte tabuliert.!)
Diese beiden Größen bedingen dann
die Orientierung des Standliniensystems relativ zur Karte, In Fig. 1 ist eine
Karte von Mitteleuropa in mittelabstandstreuer Azimutalprojektion gezeichnet;
der Mittelpunkt der Karte liegt in 50° nördlicher Breite und 10° östlicher Länge
von Greenwich. Für diesen Ort ist die Tabelle berechnet, die Azimut und Höhe
eines Sternes bei bekannter Sternzeit entnehmen läßt. Die Karte schließt kreis-
förmig nach außen hin ab; an der Peripherie des Randkreises befindet sich eine
Kreisteilung zur Einstellung der Azimute. Der Nullpunkt der Teilung liegt, von
der Kartenmitte aus gesehen, im Südpunkt, der Punkt 90° im Westpunkt, der
Punkt 180° im Nordpunkt und der Punkt 270° im Ostpunkt.
Die Projektion des Standliniensystems auf einen ebenen Streifen, der
natürlich in der Ebene der Karte liegen muß, ist mit gewissen Schwierigkeiten
verknüpft. Nur soweit die Standlinien in dem Bereich der Karte liegen, bean-
spruchen sie unser Interesse, Relativ zur Karte können die Standlinien ver-
schiedene Lagen einnehmen; ihr Aussehen in der Projektion ist dann je nach
ihrer Lage zur Karte verschieden. Die Symmetrielinie des Streifens, die stets
durch die Kartenmitte geht, wird längentreu auf den ebenen Streifen abgebildet.
Bei einer Verschiebung des Streifens in Richtung der Symmetrielinie von der
Mitte nach dem Rand der Karte wechselt jede Standlinie in der Projektion ihr
Aussehen; bei einer Drehung des Standlinienstreifens um die Kartenmitte bleiben
die Verzerrungen wegen der Zenitalität der Projektion die gleichen, Jede Stand-
linie ist nun in der Lage auf den Streifen projiziert, bei der sie durch die
Kartenmitte geht. Die theoretischen Untersuchungen über den Einfluß der Fehler
des Instrumentes auf die Genauigkeit der Ablesung (vgl. Teil III) lehren, daß
bei einem Kartendurchmesser von 15 Breitengraden die maximale Verzerrung von
A
) Als Argument kann auch die Greenwicher Sternzeit dienen.