Brill, A.: Über eine neue einheitliche Methode zur nautischen und aeronautischen Ortsbestimmung. 615
lich sind: »Man mißt die Höhe eines Sternes und notiert die Zeit der Beob-
achtung. Aus einer für den Stern gültigen Tabelle entnimmt man mit der Beob-
achtungszeit als Argument eingehend zwei Größen, welche die Einstellung des
Instrumentes geben. Der gemessenen Höhe entspricht in einer Karte eine Stand-
linie, auf der sich der Beobachter befindet.« Das Instrument war zunächst nur
für die astronomische Navigation in der Luft bestimmt gedacht; es wird sich
sicherlich auch für die nautische Ortsbestimmung sehr gut eignen, wenn es in
größerem Maßstabe ausgeführt wird, so daß die Genauigkeit von einer Bogen-
minute gewährleistet ist. .
Für den Unterricht in geographischer Ortsbestimmung bildet das Instru-
ment ein bequemes Anschauungsmittel. Die je nach der Stellung des Sternes am
Himmelsgewölbe verschiedenen Methoden der geographischen Ortsbestimmung
lassen sich in einheitlicher Weise an dem Instrument demonstrieren; über die
Verwendbarkeit und Genauigkeit der Methoden läßt sich im speziellen Falle. an
Hand des Instrumentes schnell ein Urteil gewinnen,
Das Prinzip der neuen Methode ist höchst einfach und sehr durchsichtig;
grundlegend ist für sie die Anwendung der azimutalen, zenitalen, mittelabstands-
treuen Projektion. In der Nautik erfreut sich sonst die Merkatorkarte allge-
meiner Anwendung; in ihr bilden sich loxodromische Linien geradlinig ab, und
darauf beruht gerade ihre Bedeutung in der Nautik, Bei der Versegelung ist
sie unentbehrlich zur Bestimmung des gegißten Schiffsortes aus Schiffskurs und
Schiffsgeschwindigkeit; bei astronomischen Ortsbestimmungen, die unabhängig
von dem gegißten Ort gemacht werden — was in der Aeronautik die Regel, in
der Nautik zwar nur ein Ausnahmefall sein wird —, liegen keine zwingenden
Gründe vor, die Merkatorprojektion zu verwenden. Wieso nun die mittelabstands-
treue Azimutalprojektion, die in der Kartographie wenig benutzt wird, für das
Verfahren der Auswertung astronomischer Ortsbestimmungen von hervorragender
Bedeutung ist, wird durch die folgenden .Darlegungen evident werden:
Denkt man sich zu einer bestimmten Greenwicher Zeit den Sternenhimmel
auf die Erdkugel vom Mittelpunkt der Erde aus projiziert, so entsprechen De-
klination und Greenwicher Stundenwinkel eines Sternes der geographischen Breite
and Länge des Projektionspunktes des Sternes. Für einen Beobachter im Pro-
jektionspunkt steht der Stern im Zenit. Beschreibt man auf der Erdoberfläche
um diesen Punkt einen Kreis mit dem sphärischen Abstand z als Radius, so er-
scheint der Stern für alle Erdorte, die auf diesem Kreise liegen, zu der ge-
gebenen Greenwicher Zeit in der gleichen Höhe 90° — z über dem Horizont.
Dieser Kreis heißt Standlinie oder Höhengleiche; die Schar der Standlinien z = 0°
bis z = 90° überdeckt die Halbkugel der Erde, für die der Stern zu der ge-
gebenen Zeit sichtbar ist,
Die Orientierung des Standliniensystems auf der Erdkugel — das, unab-
hängig von der Erdkugel gedacht, auf eine Hohlkugel projiziert wird — ist für
einen bestimmten Zeitpunkt durch Deklination und Stundenwinkel des. Sternes
gegeben. Der Mittelpunkt des Standliniensystems wird über den Punkt der Erd-
kugel gebracht, dessen geographische Breite gleich der Deklination und dessen
geographische Länge gleich dem Greenwicher Stundenwinkel des Sternes ist,
Einer zur gegebenen Zeit beobachteten Höhe des Gestirns entspricht dann auf
der Erdoberfläche eine Standlinie, auf der sich der Beobachter zur Zeit jener
Höhenbeobachtung befand. Die Anwendung dieses einfachen Verfahrens zur
Auswertung astronomischer Positionsbestimmungen scheitert an den großen
Dimensionen des Erdglobus, wenn die Genauigkeit von einer Bogenminute an-
gestrebt wird.
Die Orientierung des Standliniensystems auf der Erdkugel kann auch von
einem beliebigen Punkt der Erdoberfläche aus durch Azimut und Höhe des
Sternes erfolgen, zwei Größen, welche die Position des Gestirns für den Erdort
zu der vorgegebenen Zeit festlegen. Dies geschieht in folgender Weise: Die der
Höhe des Sternes im fixierten Erdort entsprechende Standlinie wird über letzteren
gebracht; das Standliniensystem wird um den Erdort so weit gedreht, bis der
größte Kugelkreis durch Erdort und Mittelpunkt des Standliniensystems im Azimut