602 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1910.
nachgewiesen, lassen vielmehr sowohl der südliche als auch der nördliche Strom-
teil einen annähernd gleichzeitig vor sich gehenden Eintritt der Schwankungen
erkennen, Es müßte unbedingt ein sich über mehrere Monate erstreckender
Zeitunterschied zu fordern sein, wenn diese Erklärung der Erscheinung genügen
würde. Überhaupt scheinen Vorstöße kalter Wassermassen aus dem Südlichen Eis-
meer, denen man eine maßgebende Bedeutung für die Benguela-Strömung zu-
schreiben könnte, für die Regelung des Temperaturganges gar nicht in Betracht
zu kommen.
Daß im letzten Teil der Strömung doch ein zeitweiliger Unterschied der
Eintrittszeit zu konstatieren ist, hängt wohl damit zusammen, daß die im süd-
lichen Teil der Strömung infolge des schwankenden Ganges der Wärmeführung
auftretenden kalten Wassermassen durch die Strömung weitergetragen auf die
nördlichen Teile wirken.
3. Beziehungen zwischen unperiodischen Temperaturschwankungen der Benguela-
Strömung und HKistriften im Südatlantischen Ozean.
Eine andere Erklärung, die man für unperiodische Schwankungen der
Meerestemperatur ins Feld führen könnte, wäre die durch Eistriften aus dem
Antarktischen Eismeer, die bis in die Westwindtrift gelangten und demgemäß
auch die Wärmeführung der Benguela-Strömung beeinflussen könnten. Aller-
dings ist die Frage nach den Beziehungen zwischen Eistriften und dem Gang
der Oberflächentemperatur des Meeres in ihrer näheren und weiteren Um-
gebung immer eine noch unentschiedene, Es sollen im folgenden die Eisvor-
kommnisse im Südatlantischen Ozean mit dem Temperaturgang der Benguela-
Strömung verglichen werden; weiterhin wird sich die Untersuchung auf die
Frage erstrecken, ob beide in einem Verhältnis von Ursache und Wirkung stehen,
so daß sich letzterer durch erstere erklären läßt,
a. Eistriften und Meerestemperatur.
Die den polaren Kontinenten naheliegenden Meere sind häufig der
Schauplatz gewaltiger Eisvorstöße, die, aus höheren Breiten kommend, zeitweilig
die in diesen Meeren liegenden Schiffsrouten lange besetzt halten und dadurch
ein gefährliches Hindernis für die Schiffahrt bilden, Es lassen die von Kapitänen
der Handelsmarine eingelieferten Eisberichte erkennen, daß in den weitaus
meisten Fällen eine Temperaturerniedrigung nicht beobachtet wurde, d, h. daß bei
Annäherung an den Eisberg kein plötzlicher Temperatursprung zu bemerken
war. Es wird von den Kapitänen auf diese Tatsache immer wieder hingewiesen,
da viele Segelhandbücher in Gegenden, in denen Eisberge vorzukommen pflegen,
stündliche Beobachtungen der Wassertemperatur als einziges Mittel angeben, um,
besonders bei undurchsichtigem Wetter, die Nähe von Eisbergen zu erkennen.
Wenn auch in diesen Fällen die Wassertemperaturbeobachtungen als Warnungs-
mittel vor Eisbergen versagten, so lassen doch die Berichte ersehen, daß wir
es tatsächlich mit einer Temperaturerniedrigung zu tun haben; vergleicht man
nämlich die beobachtete Temperatur mit der dem betreffenden Ort und der be-
treffenden Breite zukommenden Normaltemperatur, so erkennt man sofort, daß
die beobachtete Temperatur fast immer und zeitweilig sehr bedeutend unter der
normalen zurückbleibt.!)
Nach Petterssons »Untersuchungen über den Einfluß der Eisschmelze«?)
ergeben sich infolge des Schmelzprozesses des Eises drei verschiedene Strömungs-
1) Ein auffälliges Beispiel entnehme ich dem Berichte des Segelschiffes »Cäsarea«, Kapitän
A. Cords, ‚... »Als wir im Eise waren, 23, bis 28, März 1893, wurden beträchtliche Unterschiede
in der Temperatur des Wassers nicht gefunden, auch nicht, wenn wir ganz nahe an der Lee- oder
Luvseite der Berge vorbeipassierten, Das Thermometer fiel nie unter 6°%«,
Die Normaltemperatur war in 50° S und 47° W, wo das Eis getroffen wurde, 8.5° C, Mit
6° war die Wassertemperatur durch die Eisnähe also schon um 2.5° abgekühlt. Dinklage: Treiheis
beim Kap und im Indischen Ozean, »Ann, d. Hydr. usw.« 1897, S, 190,
2) Pettersson: Untersuchungen über den Einfluß der Eisschmelze, »Ann. d, Hvyvdr, usw.«
1903. 8. 1504£.