130
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1910.
Ob man die Geschwindigkeit nach den Gradienten oder nach gut in der
gewöhnlichen Höhe über dem Boden aufgestellten Anemometern, durch Ver-
doppelung ihrer Angaben, zu bestimmen vorzieht, muß von dem vorliegenden
Material und von verschiedenen Erwägungen abhängen; die Bestimmung der
Gradienten-Größe (nicht der -Richtung) nach den Karten ist leider recht unsicher
und die Schwankungen in dem Verhältnis zwischen Gradient und Wind-
geschwindigkeit sind noch sehr ungenügend bekannt.
Unter Annahme von t = 0° und b = 760 mm berechnet Hann das theo-
retische Verhältnis der Windgeschwindigkeit zum Gradienten bei reibungsloser,
gerader und gleichförmiger Bewegung (Lehrbuch, 2. Aufl, 5. 562) unter 40° Breite
zu 9.9, unter 50° zu 8.4, unter 60° zu 7.4. Für die deutsche Küste (54° Breite)
fand Sprung dies Verhältnis nach den Stationsbeobachtungen im Sommer zu
3,9, im Winter zu 3.4, im Mittel etwa 3,6 statt 8.0. Die verdoppelte Geschwin-
digkeit würde also auch hier nur 10%, weniger geben, als die Theorie für
ceibungslose Bewegung verlangt, und man wird demnach für die Zeichnung der
Luftbahnen durchschnittlich zu demselben Ergebnis kommen, ob man nun ihnen
die verdoppelten Angaben von Anemometern in gewöhnlichen guten Dachlagen
(auf Tagesmittel reduziert) oder die nach dem Gradienten berechnete und um
etwa 1/,, verringerte Geschwindigkeit reibungsloser Bewegung zugrunde legt.
Beide Werte werden in Mitteleuropa im Mittel in 500 bis 800 m Höhe über der
Tiefebene zu finden sein.!)
Viel höher zu gehen, als 500 m, verbietet sich durch die mit der Höhe
zunehmende Unsicherheit der Druckverteilung. In einer Höhe von 500 m ist aber
gewöhnlich der barometrische Gradient von demjenigen an der Erdoberfläche
noch sehr wenig verschieden, Es gehören bei einer Luftschicht von dieser Dicke
etwa 6° Temperaturunterschied dazu, um einen am Erdboden vorhandenen Druck-
unterschied um 1 mm zu ändern, Da im allgemeinen die Druck- und Temperatur-
gradienten, mm und °C vorausgesetzt, von gleicher Ordnung sind, so werden
auch im ungünstigsten Falle, nämlich wenn beiderlei Gradienten rechtwinklig zu-
einander stehen, die Isobaren in dieser Höhe selten mehr als 9° von denen am
Erdboden abweichen. ?)
Die Isobaren unserer Wetterkarten werden also zur Konstruktion der Luft-
bahnen in 500 m noch gut dienen können; besser noch, wenn man nach meinem
Vorschlag?) die Barometerstände nicht auf den Meeresspiegel, sondern auf 100 m
über Meer reduziert,
Ich empfehle daher, Luftbahnen zu entwerfen unter Zugrundelegung des
Doppelten der von unseren Anemometern in mittelfreier Lage*) angegebenen Ge-
schwindigkeit, und einer um 1 Strich (11°) von den Isobaren nach dem niederen
Druck abweichenden Windrichtung. Man wird damit lehrreichere und beweisen-
dere Aufschlüsse über die Bewegung großer Luftmassen bekommen, als mit den
Windangaben aus der unteren Luftschicht selbst. Diese Luftbahnen werden für
1) In anderen Gegenden wird man die Verhältnisse natürlich etwas anders finden, Über die-
jenigen im östlichen Nordamerika vgl. A, J. Henry in »Bulletin of the Mt Weather Observatory.
Vol. 11, Pt. 6 (1910).
2) In einem Aufsatz über »Pilotaufstiege für die Wetterprognose« in der »Meteor, Ztschr.«,
August 1910, spricht F, Exner die Hoffnung aus, mit Hilfe eines Netzes von Pilotballon- und Wolken-
Stationen die Änderung der Druckverteilung mit der Höhe bestimmen und daraus Schlüsse auf das
kommende Wetter ziehen zu können. Diese Erwägungen kommen nur für bedeutend größere Höhen.
als die hier betrachteten, in Frage; denn bis zu 1000 m sind für die Anderungen des Windes mit der
Höhe die Änderungen des Verhältnisses zwischen Wind und Gradient offenbar viel maßgebender, als
die Änderungen des (fradienten selbst, Das zeigt sich schon in dem Umstand, daß in Mitteleuropa
auch oberhalb 500m die Rechtsdrehungen über die Linksdrehungen beim Aufsteigen, selbst im Sommer,
stark überwiegen. Da das Verhältnis zwischen Gradient und Wind nach der Größe des vertikalen
Luftaustausches usw. veränderlich ist, so ist die Bestimmung des Gradienten aus der Luftströmung,
wenigstens in den unteren Schichten, leider recht unsicher, ganz abgesehen von den vielen Hindernissen,
die sich der Beobachtung entgegwenstellen. Trotzdem ist das weitere Studium dieser Fragen sehr not-
wendig und ist es unbedingt ein Verdienst von Herrn Exner, dazu anzuregen.
3) »Meteorolog. Zeitschr.« 1909, S. 198,
‘) Da die Unterschiede in der Anemometeraufstellung noch sehr groß sind, so wird man zu
genaueren Untersuchungen wenigstens die am weitesten abweichenden Aufstellungen durch einen em-
pirischen Faktor korrigieren müssen, um sie mit der Mehrzahl vergleichbar zu machen.