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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

Köppen, W.: Luftbahnen am Erdboden und in der freien Atmosphäre. 581 
an. Dagegen ragte das Anemometer auf dem Bureau central möt&orologique an 
dessen Fuße, trotzdem es 21 m über dem Boden stand, offenbar zu wenig über 
das Häusermeer von Paris hervor, da es nur ein Jahresmittel von 2,1 m p. Sek. 
ergab. Dasjenige zu Montsouris gibt 4.0 m p. Sek. 
In dieser freien Luftschicht mit der doppelten Geschwindigkeit unserer 
Anemometer ist die. Richtung des Windes durchschnittlich 1 bis 2 Strich (11. bis 
22°) weiter nach rechts gerichtet, als am Erdboden... Auf dem Aeronautischen 
Observatorium in Reinickendorf-Tegel betrug nach Berson‘) die Drehung des 
Windes in den Aufstiegen im zweijährigen Mittel, im Vergleich mit der unteren 
Windrichtung, folgende Winkel nach rechts: 
Erdboden (67 m) bis 200 m 500m 1000 m 1500 m 2000 m 2500 m 3000 m 
8.1° 17.4° 23.5° 26.7° 29.1° 31.4° 32.99 
Für Hamburg-Großborstel hat sich die Grösse der Drehung wie folgt er- 
geben”): bis 600 m zu 10°, 1000 m zu 22°, 2000 m zu 27°; der Wert für 600 m 
ist wahrscheinlich zu klein, er ist nur aus 162 kleineren Aufstiegen abgeleitet, 
die beiden anderen aus 634 größeren. Sie stimmen nahe mit den Werten von 
Berson überein, die für 1000 m aus 744, für 2000 m aus 303 Aufstiegen ge- 
wonnen sind. 
Den Jahrgang 1905 der Beobachtungen des Königl. Preuß. Aeronautischen 
Observatoriums hat auch Ernest Gold in diesen Hinsichten bearbeitet im Bericht 
über »Barometric Gradient and Wind Force«, der als M. O0. No. 190 in London 1908 
erschienen ist, und zwar unter Vergleichung der Windgeschwindigkeit in 129 und 
1000 m Seehöhe mit dem Gradienten. Letzteren hat er leider nur aus den 
englischen Wetterkarten bestimmt, die in dieser Gegend nicht viele Stationen 
haben. Er findet im Jahresmittel den Wind in 1000 m 25.9° rechts vom Winde 
am festen Anemometer, und die Isobaren durchschnittlich: noch 6,8° weiter 
rechts liegend (Berson nimmt 23,5° und 6.5° an). Die Windgeschwindigkeit 
war nach Gold im Jahresmittel unten 4.8, in 1000 m nach den Beobachtungen 
9.5 m p. Sek,; die Berechnung nach dem gemessenen Gradienten ergab 10.2 m 
p.- Sek, also nur um 7.4%, mehr. Die Berechnung geschah mit Berücksichtigung 
der Bahnkrümmung,®%) aber ohne Rücksicht auf Reibung. > 
Das sehr verschiedene Verhalten des Windes zum Gradienten bei den ver- 
schiedenen Windrichtungen setzt zum Glück der Ableitung der Richtung und 
Geschwindigkeit des Windes gerade in dieser Höhe von etwa 500 m keine wesent- 
lichen Hindernisse entgegen; denn einerseits sind die großen Ungleichheiten 
des Winkels zwischen Isobare und Wind, die am Erdboden sich zeigen, in dieser 
Höhe bereits verschwunden, *) anderseits ist die Zunahme der Windgeschwindig- 
keit nach oben bis zu dieser Höhe allen Windrichtungen gemeinsam, während 
sie weiter oben zwar bei westlichen Winden ausgeprägt, bei östlichen aber gering 
ist.°) Der Grund liegt darin, daß diese Zunahme in der unteren Schicht durch 
die, allen Richtungen gemeinsame, Abnahme der Reibung mit der Erhebung 
über den Boden bedingt ist, in den oberen Schichten aber von der Änderung 
des Gradienten mit der Höhe abhängt. Auch die tägliche Periode des Ver- 
hältnisses zwischen Wind und Gradient, sowie die größere Stärke des Windes bei 
gleichem Gradienten an heiteren Tagen (bzw. Ostwind), die sich in der Nähe des 
Erdbodens zeigen, fehlen in der freien Atmosphäre. Da auch die Unterschiede, die 
in dem »Ablenkungswinkel« des Windes zwischen Binnenland und Meer bestehen, 
in dieser Höhe über der Unterlage unzweifelhaft nur gering sind und dieser Winkel 
in unsern Breiten (45 bis 60°) wohl allgemein zwischen 70 und 80° beträgt, so 
gibt eine gut gezeichnete Isobarenkarte in der Regel genügenden Aufschluß 
über die Windrichtung in der gesuchten Höhenschicht, die so wenig, wie die 
natürliche Erdoberfläche, eine genaue Niveauschicht zu sein braucht, sondern 
etwa 500 m über mittlerer Terrainhöhe lieven kann. 
8 
A 
7 
Protokolle der Versammlung der Intern, Komm. £. wiss. Luftschiffahrt in Petersburg (1904), S.98. 
»Ann. d. Hydr. usw.« 1908, S. 54. . 
Eigentlich der Isobarenkrümmung, die durchschnittlich etwas größer ist (s. oben). 
»Ann. d, Hydr. usw.« 1908, S. 54. 
Archiv der Deutschen Seewarte« 1908. Nr 1. S._ 10. 
) 
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