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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

530 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1910. 
Wetterkarten auch dann ein unmittelbares Bild der wirklichen Luftbahnen sehen 
zu dürfen, wenn der ganze Wirbel im Fortschreiten begriffen ist; eine nähere 
Überlegung wird ihm das Irrige dieses natürlichen, jedoch falschen, Eindrucks 
erkennen lassen. Aber wie weit die erwähnte Voraussetzung zutrifft, das läßt 
sich besonders deshalb nicht bestimmen, weil wir jetzt sicher wissen, daß in den 
untersten Schichten der Atmosphäre die Richtung und namentlieh die Ge- 
schwindigkeit der Luftbewegung sich sehr rasch mit der Höhe ändert, so daß 
eine gelegentliche Höhenänderung der Luftmasse um nur 50 bis 100 m das 
Resultat in hohem Maaße beeinflussen würde, Es erscheint unwahrscheinlich, 
daß eine Luftmasse, die z. B. 25 000 m in einer Stunde (7 m p. Sek.), noch dazu über 
hügeliger Gegend, zurücklegt, in dieser Zeit sich nicht durchschnittlich zum 
mindesten um !/.,9 dieser Länge auf- oder abwärts, absolut und relativ zum 
Boden, verschieben sollte. 
Im Jahre 1878 wußte man noch fast gar nichts über den Betrag und das 
Gesetz der Änderung des Windes mit der Höhe in den unteren Schichten der 
Atmosphäre. Nur die Tatsache seiner raschen Zunahme nach oben war bekannt, 
und diese ließ es sehr unsicher erscheinen, welche Geschwindigkeiten man beim 
Versuch einer Konstruktion der Luftbahnen zu Grunde legen solle. Neben anderer 
Inanspruchnahme war es namentlich diese Unsicherheit, die mich verhindert hat, 
die oben dargelegten Gedanken weiter zu verfolgen. 
Jetzt sind wir durch die Drachenaufstiege sehr viel besser über diese 
Fragen unterrichtet. In ganz großen Zügen genommen wissen wir wenigstens, 
daß im Mittel aller Richtungen und Windstärken genommen in Norddeutschland 
etwa 500 m über dem Boden eine Windgeschwindigkeit sich findet, die etwa 
doppelt so groß ist, wie die an unseren Anemometern in gewöhnlicher guter 
Dachaufstellung gemessene, und daß darüber hinaus der Wind nur noch langsam 
mit der Höhe zunimmt, ja gar nicht selten in den nächsten 1 bis 2 Höhen- 
kilometern etwas abnimmt. Durch tägliche Aufstiege sind in Lindenberg folgende 
Mittelwerte, m p. Sek., gefunden; die Hügelkuppe liegt 120 m über dem Meer, 
das Anemometer darauf 9 m höher. 
Sechöhe: 19051) 1906 1907 1908 Mittel 
20%0 m 9,5 9.6 9.9 10,3 9.5 
1500 « 8.5 9.6 9.5 10.1 0.4 
1000 « 8.9 9.6 10.0 10.0 95 
500 « 8.7 9,3 9.6 9,8 f 
129 - 4.7 D2 4,8 5.7 51 
Also in den ersten 371 m Erhebung eine Zunahme von 5.1 auf 9.4 m p. Sek, 
in den folgenden 1000 m keine mehr. 
In Hamburg-Großborstel war die Windgeschwindigkeit im dreijährigen 
Mittel. ?) 
Sechöhe . 0.0.0.0... ‚ 20m 500m 1000 m 2000 m 
Bei den Aufstiegen . . . 2... 60 12.6 13,5 14.4 
Korrigiert wegen der fehlenden Tage 5.2 11.0 11.7 12.5 
Die Windgeschwindigkeit ist in Hamburg, der durchschnittlich größeren 
Nähe der barometrischen Minima entsprechend, in den oberen Schichten größer, 
als in Lindenberg, Daß sie am Boden an beiden Orten fast dieselbe ist, muß 
der ungewöhnlich freien Lage des Anemometers in Lindenberg auf einer die 
Gegend beherrschenden Hügelkuppe zugeschrieben werden. Ein weniger 
exzeptionell aufgestelltes Anemometer würde gewiß auch hier weniger als die 
Hälfte der 500 m höher gemessenen Windgeschwindigkeit geben. 
Die obigen Daten sind in der untersten Luftschicht noch von der täglichen 
Periode beeinflußt. Die Aufstiege fanden meist am Morgen statt; in der Nacht 
würde man eine stärkere Zunahme mit der Höhe finden. Bei genaueren Unter- 
suchungen muß man durch Korrektionen hierauf Rücksicht nehmen. 
Die mittlere Windgeschwindigkeit auf dem Eiffelturm, etwa 280 m über 
den Dächern von Paris. schließt sich mit 8.7 m p. Sek. den obigen Zahlen gut 
ij) Januar bis März in Reinickendorf-Tegel, 
» »Archiv der Deutschen Seewarte«. Jahrg. 1908, Nr. 1. 8.11.
	        
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