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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

Kohlschütter, E. u. Kissner, J.: Beobachtungen von Venus am Tage, 491 
die Sonne bei den Beobachtungen eine nicht unbeträchtliche Höhe über dem 
Horizont gehabt. 
Der Unterschied von 2’, den die Nebenmeridianbreite der Venus und die 
Mittagsbreite der Sonne am 21. April aufweisen, dürfte wohl die Folge einer 
Stromversetzung sein, Jedenfalls sind die Beobachtungen ein neuer Beweis dafür, 
daß die Beobachtungen von Sternen bei Tage gelegentlich ein wertvolles Hilfs- 
mittel zur Ortsbestimmung auf See abgeben, E. Kohlschütter. 
IL 
Zu den in letzter Zeit in den »Ann, d. Hydr.« und in der Zeitschrift 
‚Hansa« veröffentlichten Sternbeobachtungen am Tage möchte ich die Ergebnisse 
einer Reihe von Beobachtungen der Venus bei Tageslicht hinzufügen, welche ich 
im Verein mit dem dritten Offizier, Herrn Kraetke, auf dem Lloyddampfer 
»Halle« angestellt habe. Während der Reise dieses Dampfers von Brasilien nach 
Leixoes vom 10. bis 27. März 1910 haben wir fast täglich eine oder mehrere 
derartige Beobachtungen gemacht und gefunden, daß die Resultate an Zuver- 
lässigkeit denen der Sonnenhöhen nichts nachgeben. Nebenbei fanden wir auch, 
daß die eigentliche Beobachtung durchaus nicht so schwierig ist, als es den 
Anschein hat: Bei klarem Himmel genügt nämlich schon die Kenntnis des 
Azimuts, um das Gestirn in dieser Richtung mit dem Instrumente herunterholen 
zu können. Bei mäßiger Kumulusbewölkung empfiehlt es sich, die Höhe der 
Venus angenähert zu berechnen und auf dem. Sextanten einzustellen, ebenso 
würde man dann das Azimut auf der Peilscheibe einstellen. Um dabei die etwas 
umständliche Höhenformel 
sin h = cos ( — 0) + cos x, 
in welcher 
sem x = sem t - cos g@ - cos 6 - sec (p — 0) 
ist, zu vermeiden, genügte es zur Einstellung, die angenäherte Höhe aus 
sin h = cos (p — 0) - cos t 
zu berechnen, denn cos x ist bei kleinen und mittleren Werten von g und ö von 
cos t nicht wesentlich verschieden. Man wird dann jedenfalls das Gestirn im 
Gesichtsfelde des Sextanten finden, Bei Zirrusbewölkung wird man allerdings 
die Höhe genau ausrechnen und sich bei der Beobachtung des astronomischen 
Fernrohres bedienen müssen. Bei einiger Übung wird man auch unter diesen 
ungünstigen Verhältnissen gute Kimmabstände bekommen, besonders wenn man 
durch Reihenbeobachtungen etwaige Ungenauigkeiten der Kimmberührung auf- 
hebt. Wenn es sich um eine Längenbestimmung zur Chronometerkontrolle handelt, 
sollte man das astronomische Fernrohr benutzen; Beobachtungen in der Dämmerung 
mit dem terrestrischen Fernrohr würden nicht die genügende Schärfe ergeben. 
Auf der erwähnten Reise kulminierte Venus zwischen 9% und 10h V, so 
daß wir schon verhältnismäßig früh eine zuverlässige Breite erhalten konnten, 
ohne auf die Kulmination der Sonne warten zu müssen. Waren dann schon 
Längenbeobachtungen vorausgegangen, so wurden diese Längen für die aus 
Venus-Beobachtungen berechnete Breite mittels der Pagelschen Berichtigung ver- 
bessert, oder es wurde gleichzeitig mit einer Sonnenhöhe eine Meridianhöhe der 
Venus verbunden, woraus sich dann ein astronomisches Besteck ergab. Besonders 
günstig gestaltete sich die Beobachtung, wenn gleichzeitig Venus, Sonne und 
Mond sichtbar waren und zur OÖrtsbestimmung nach der Höhenmethode ver- 
wendet werden konnten. Bei diesen Rechnungen besonders trat die Zuverlässig- 
keit der aus Venus-Höhen erzielten Resultate zutage, indem die drei Standlinien 
sich nahezu in einem Punkte schnitten. Sehr brauchbar erwies sich eine Venus- 
Beobachtung, welche wir am 10, März anstellten. An diesem Tage war der 
Himmel während des Vormittages bedeckt und klarte erst gegen Mittag auf, so 
daß wir als Länge unseres Schiffsortes nur die aus dem Koppelkurs berechnete 
hatten. Wir konnten aber gleichzeitig mit der Kulminationshöhe der Sonne eine 
Venus-Beobachtung im Azimut S84°W, also nahe am ersten Vertikal, bekommen 
und erhielten daraus ein gutes Besteck, In Verbindung mit terrestrischen Orts-
	        
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