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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

Petersen, J.: Unperiodische Temperaturschwankungen im Golfstrom usw. 415 
Höhepunkt erreicht haben, und dementsprechend sehen wir vom September ab 
sich ein selbständiges Minimum im Norwegischen Meere ausbilden, das dort bis zum 
November erhalten bleibt (Okt.—Nov. 1893, Taf, 36). Ebenso wie die Luftdruck- 
verteilung in den Monaten April bis Mai dieser beiden Jahre in ihrem abweichen- 
den Verhalten eine täuschend ähnliche war, ist auch die Luftdruckverteilung in 
den Herbstmonaten beider Jahre eine ganz gleiche, von der normalen sehr ab- 
weichende (Taf. 36). Das Hauptgebiet niedrigen Luftdrucks befindet sich auf der 
O-Seite des Nordatlantischen Ozeans. Auch im Oktober, November des Jahres 1898 
(Okt.—Nov. 1898, Taf. 36), dessen Frühjahr ebenfalls eine ähnliche Luftdruck- 
verteilung wie die der warmen Jahre 1893 und 1896 aufweist, ist das Haupt- 
gebiet niedrigen Luftdrucks an der europäischen Seite des Atlantischen Ozeans 
zu finden. Im Jahre 1897 sind — wie auf Seite 410 beschrieben — während der 
Monate April bis Oktober auf der europäischen Seite des Ozeans überall nega- 
tive Temperaturanomalien beobachtet. Die Bedingungen für die Bildung dauern- 
der Depressionen über der Nordsee und dem Nordmeer sind in diesem Jahre 
also besonders ungünstig. Dementsprechend zeigt die für die Monate September, 
Oktober, November gebildete Isobarenkarte (Sept.—Nov. 1897, Taf. 36), wie über 
der Nordsee und dem Norwegischen Meere relativ hoher Luftdruck herrscht — 
nur am Nordkap tritt ein Teilminimum hervor — und das Hauptminimum sich 
um Kap Farewell herumlagert. Daraus ist zu ersehen, daß als wichtigste Folge 
einer verstärkten Zufuhr von warmem Wasser aus südlichen Breiten vielmehr 
eine Verlagerung als eine Vertiefung des isländischen Depressionsgebietes eintritt. 
Wenn ich Prof, Meinardus recht verstehe, so erklärt er die großen 
Intensitätsänderungen der Nordatlantischen Zirkulation allein aus der wechselnden 
Tiefe der isländischen‘ Depression vermittels des Systems der sich selbst indu- 
zierenden Kräfte!) Ich bin nach obigen Beobachtungen eher geneigt, die ur- 
sächlich ‚miteinander verknüpfte Kette der meteorologisch, ozeanographischen 
Elemente (Luftdruck, Wind, Wassertemperatur) als ein System einander entgegen- 
wirkender (sich selbsttätig regulierender) Kräfte zu bezeichnen und den die 
[ntensitätsänderungen des Golfstromes bewirkenden Mechanismus folgendermaßen 
aufzufassen. 
Wehen infolge anormaler westlicher Lage der Islanddepression im Osten 
des Nordatlantischen Ozeans S-liche bis SW-liche Winde, so führen diese aus 
südlichen Breiten wärmeres Wasser herbei, welches dem Europäischen Nordmeere 
und der Nordsee allmählich einen ungewöhnlichen Temperaturüberschuß erteilt, 
Die gewöhnlich südwestlich von Island lagernde Barometerdepression wird. diesem 
Wärmeüberschuß folgen und solange dieser besteht über dem Norwegischen 
Meere verweilen. Eine so anormale östliche Lage des. Minimums bewirkt aber 
NW-Winde über dem Osten des Nordatlantischen Ozeans, wodurch der Zufluß 
warmen Wassers aus südlichen Breiten gehemmt, ja sogar Wasser aus nördlicheren 
Breiten herbeigeführt und somit die Temperatur erheblich erniedrigt wird, So- 
bald die positive Temperaturanomalie im Norwegischen Meere durch eine negative 
verdrängt ist, wird der Luftdruck dort entsprechend steigen, und das Tiefdruck- 
gebiet sich zurückziehen, Es ist nun anzunehmen, daß gerade zur. Zeit ‚einer 
negativen Temperaturanomalie im Golfstrom — wenn dieser also schwach fließt 
— auch der kalte Ostgrönlandstrom, der als Kompensationsstrom des Golfstromes 
mit diesem gleichsinnig schwankt, eine geringere Ausbreitung hat als gewöhnlich, 
und daß die Depression sich. dann in diese verhältnismäßig wärmere Gegend 
verlagert, worauf der Kreisprozeß von neuem beginnt. 
Das Eigenartige dieses Mechanismus besteht darin, daß nach einer starken 
Zufuhr warmen Wassers der weitere Zufluß gehemmt wird, daß also der Golf- 
strom vermittels der ihm innewohnenden- Kräfte seine Wärmeführung selbst 
reguliert, aber nicht etwa so, daß ein immerwährend gleichmäßiger. Strom entsteht, 
sondern ein Strom, der wechselt zwischen einer Zeit starken Fließens und einer 
Zeit schwachen Flhießens. 
1) Dr. W. Meinardus: »Der Zusammenhang des Winterklimas in Mittel. und Nordwest- 
anrona mit dem Golfstrom«. Zeitschr. d. Gesellschaft £f. Erdkunde, Berlin 1898. 8. 196.
	        
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