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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1910,
lichen Abweichung vom Normalwert — das Jahr nach Prof, Meinardus’ Vor-
bild aus den Monaten September bis August gebildet, weil die hydrosphärische
Zirkulation im September in ein neues Jahr eintritt — so findet man in 69%
entgegengesetzte Vorzeichen in Station 1 bis 4 und Station 9 bis 12 (Fig, 6).
Als Beispiel mag die Temperaturverteilung in den Sommern 1889 und 1893 an-
geführt sein (Fig. 7). Eine Erklärung dieser Tatsache wird im zweiten Kapitel
dieser Untersuchung gegeben werden. Über die Schwankungen der Wasser-
temperaturen im Atlantischen Ozean läßt sich demnach allgemein sagen:
Die in irgend einem Punkt des Nordatlantischen Ozeans zwischen
40° und 50° N-Br. zu erwartende Wassertemperatur stimmt selten mit
dem berechneten Mittelwert überein. Die Temperatur wechselt vielmehr
zwischen zwei Werten, die um einen angenähert bestimmten Betrag
voneinander verschieden sind, Die Abweichungen vom Normalwert
treten meistens mit entgegengesetzten Vorzeichen im Osten und Westen
auf. Im Ostatlantischen Ozean sind diese Abweichungen im Winter
von geringer Größe und besitzen die Tendenz sich lange zu erhalten,
während sie im Sommer bedeutend größer sind und besonders im
August und September häufig das Vorzeichen wechseln.
2. Besteht ein Zusammenhang zwischen den Änderungen der ILuftdruck-
vert&ilung und den Schwankungen der Meerestemperatur?
a) Rufen die Änderungen der Luftdruckverteilung indirekt durch ihre Wirkung auf
die Luftströmungen Schwankungen der Meerestemperatur hervor?
Nach der am Eingang erwähnten Erklärung der nordatlantischen Wasser-
zirkulation durch die mit ihr korrespondierende Luftzirkulation ist anzunehmen,
daß eine Änderung in der Stärke der Winde auch eine Änderung in der Ge-
schwindigkeit der Wasserbewegung und damit eine Anderung in der Zufuhr
warmen Wassers nach kalten Gegenden oder kalten Wassers nach warmen
Gegenden hervorruft, Vorübergehende Abweichungen von den normalen Wind-
verhältnissen, von vorübergehenden Zyklonen verursacht, werden sich nicht auf
große Gebiete erstrecken und keine dauernden Abweichungen hervorbringen.
Dauernde, intensive Änderungen dagegen — die einen Monat oder länger an-
halten — müßten schon in der Lage sein, nach einiger Zeit einen Meeresstrom
zu hemmen oder zu beschleunigen und somit auf die Meerestemperatur ein-
zuwirken, Mehr noch als durch Anschwellen oder Abflauen des Windes wird
eine andauernde Veränderung der Windrichtung imstande sein, Temperatur-
anomalien hervorzurufen, So werden andauernde Südwinde im Bereiche der
Golfstromtrift eine größere positive Temperaturanomalie bewirken, als es noch
so sehr verstärkte Westwinde vermöchten, Um festzustellen, in welchem Maße
die Abweichungen von den normalen Windverhältnissen auf die Meerestemperatur
einwirken, sollen in folgendem einige charakteristische Jahre genauer geprüft
werden.
1889. Im März ist die Luftdruckverteilung normal.’) Im April beginnt
sich eine Abweichung von der normalen Lage der isländischen Depression aus-
zubilden, Eine lange Depressionsfurche (754 mm) erstreckt sich von Kap Farewell
bis fast nach Irland, Die Isobaren über dem östlichen Teil des Nordatlantischen
Ozeans verlaufen von NW nach SO, also NW-Winde bedingend, während sie
normalerweise in diesem Monat von W nach O verlaufen sollten. Im Mai er-
reicht diese Abweichung (April-—Mai 1889, Taf. 36) ihre stärkste Ausbildung, in-
dem sich der Kern der Depression nach 25° W-Lg. verlagert hat (normal etwa
35° W-Lg.). Auch hat das Minimum an Tiefe zugenommen, so daß besonders
kräftige WNW-Winde im Osten unseres Bereiches, im Westen dagegen W- bis SW-
Winde herrschen. Im Juni hat sieh die Zyklone wieder in ihre normale Lage
!) Für diese und die folgenden Angaben sind die von der Deutschen Secwarte und dem
Dänischen Meteorologischen Institut. zu Kopenhagen herausgegebenen täglichen synoptischen Wetter-
karten des Nordatlantischen Ozeans benutzt.