Die Nowaja Semlja-Expedition des Herzogs von Orleans im Sommer 1907. 27
Karischen Meere durch die östlichen Winde in die Straße hineingetrieben worden
war und mit den Gezeitenströmen darin hin- und hertrieb. Ob die Straße zu
dieser Zeit zu passieren gewesen wäre, ist nicht festgestellt worden; es erscheint
jedoch angesichts der dichten Eismassen im Karischen Meere, die wochenlang
gegen die Ostküste von Nowaja Semlja angedrängt wurden und beständig für
neue Zufuhr in der Straße sorgten, fraglich.
Im Karischen Meer waren die Eisverhältnisse von Anfang an äußerst un-
günstig. Das Scholleneis, das beim Ausgang aus Matotschkin Schar angetroffen
wurde, gestattete zunächst noch einigen Fortgang, bald aber saß das Schiff voll-
ständig in den ausgedehnten Treibeisfeldern fest. Ein heller Eisblink mit nur
einzelnen Streifen dunklen Wasserhimmels im Osten zeigte auch in dieser Richtung
das Vorhandensein größerer Eismassen an. In den ersten Tagen waren im Eise
noch einzelne kleine Stellen offen, auch längs der Küste konnte man von oben
in den Einbuchtungen zuweilen noch freies Wasser erblicken, aber allmählich
schoben die ständig wehenden nordöstlichen Winde die Eismassen dichter anein-
ander und drückten sie fest gegen die Küste an. So weit der Blick reichte, sah
man eine ununterbrochene Eisfläche, in der das Schiff langsam nach Süden trieb,
mehr oder weniger starken Eispressungen ausgesetzt, je nachdem das Eis unter
der Einwirkung des Windes oder Stromes zusammengedrückt wurde oder sich
etwas ausbreitete, Dieser Zustand wurde vorübergehend am 1, und 2. August
unterbrochen, als das Eis bei südöstlichen bis westlichen Winden und Windstille
sich auseinanderzog. Freie Stellen und 2 bis 3 Sm lange Kanäle, südwestwärts
gerichtet, öffneten sich, in denen gefahren werden konnte. Mit dem Zurück-
gehen des Windes auf NO am 3. August schlossen sich die Kanäle wieder, und
die Eisfläche blieb ununterbrochen bis zum 16. August, wo die Osteinfahrt der
Karischen Straße erreicht wurde. Dort lockerte sich das Eis in dem nach Westen
längs der Südküste von Nowaja Semlja setzenden Strome, der das noch immer
im Eise festsitzende Schiff in die Karische Straße hineinführte, Unter der Ein-
wirkung von Ebbe und Flut und von Stromwirbeln wurden die offenen Stellen
im Eise größer, so daß schließlich am 20. August wieder gefahren werden konnte.
Die Südwestküste von Nowaja Semlja war ungefähr bis zur Kostin-Straße mit
einem 3 bis 4 Sm breiten Scholleneisgürtel besetzt, weiter nordwärts wurde an
der Küste kein Eis mehr angetroffen, Auch bei der Fahrt von Matotschkin Schar
nordwärts an der Westküste der nördlichen Insel entlang zeigte sich kein Eis.
Die Packeisgrenze lag zwischen 71° 20’ und 65° 16’ O-Lg. etwas nördlich von
78° N-Br. und zog sich östlich von 71° 20’ O-Lg. südwärts nach dem Nordostkap
von Nowaja Semlja hin, so daß auch dieser Eingang in das Karische Meer ver-
schlossen war.
Die von der Expedition angetroffenen Verhältnisse bestätigen die bereits
früher!) ausgesprochene Erfahrung, daß die Eisverhältnisse im Karischen Meere
in erster Linie durch den Wind günstig oder ungünstig gestaltet werden, günstig
durch südliche bis westliche Winde, ungünstig durch nördliche bis östliche.
Während der ganzen Zeit vom 15. Juli bis zum 19. August wehten mit wenigen
kurzen Unterbrechungen nördliche bis östliche Winde. Wenn sie auch, wie ge-
wöhnlich in dieser Zeit, meist flau waren und Stärke 6 selten erreichten, brachten
sie doch allmählich das ganze vorhandene Eis in den westlichen und südlichen
Teil des Karischen Meeres und schufen so die für die Schiffahrt ungünstigste
Lage. Das offene Fahrwasser, das man im Sommer unter gewöhnlichen Umständen
bei wechselnden Winden längs der Ostküste von Nowaja Semlja und an der Süd-
west- und Südseite des Karischen Meeres findet, wurde dadurch geschlossen,
Auch die beiden südlichen Zugangsstraßen zum Karischen Meere, die Karische
und die Jugor-Straße, wurden durch das hineingetriebene Eis gesperrt und waren
erst Ende August eisfrei.?) Im Juli und August war es daher nicht möglich, auf
diesem Wege den Jenissei oder Ob zu erreichen, sondern erst im Laufe des Sep-
\ »Annalen der Hydr. usw.« 1905, S. 483 ff.
2) Isforholdene i de arktiske Have 1907, herausgegeben vom Dän. Meteorolog. Institut in
Kopenhagen.