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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

359 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1910. 
der Gleichheit zwischen Januar und Juli der mittlere Luftdruck innerhalb des 
südlichen Polarkreises im Januar einen Überschuß von vollen 11 mm über den 
Juli zeigen müßte, I 
Die neuerlichen Überwinterungen in der Nähe und jenseits des südlichen 
Polarkreises zeigen im Meeresniveau große unperiodische Druckschwankungen, 
aber nur vereinzelt einen erheblichen Drucküberschuß im Südsommer; im Gegen- 
teil überwiegt auch bei ihnen ein winterlicher Überschuß, Die Lösung des Rätsels 
muß also wo anders gesucht werden. 
Meinardus findet sie in der mutmaßlichen großen Höhe des antarktischen 
Kontinents. Da nämlich der Luftdruck nach der bekannten Barometerformel in 
einer kalten Luftsäule schneller nach oben abnimmt als in einer warmen, ist in 
den höheren Schichten allgemein die Tendenz zu einem Drucküberschuß der 
wärmeren Jahreszeit über die kältere vorhanden, In großen Höhen ist also der 
Luftdruck auf der südlichen Halbkugel im Januar höher als im Juli; an der 
Meeresfläche wird dieses durch das größere Gewicht der niedrigeren Schichten 
im letzteren Monat mehr als ausgeglichen; wo aber die unteren Schichten fehlen, 
also über Hochländern, ist überhaupt im Juli weniger Luft vorhanden als im 
Januar. Die nebenstehende Zeichnung veranschaulicht diese Massenbewegungen. 
Ein Gefäß mit treppenförmigem Boden sei mit 
I Wasser von etwa 10° bis zum Niveau mn gefüllt; das 
ı Wasser steht dann über ab doppelt so hoch wie über 
cd. Schieben wir nun die Wand es ein und erwärmen 
das Ganze auf eine höhere Temperatur zZ, so werden sich 
beide Wassersäulen um 2 °/, ihrer Höhe ausdehnen, über 
ab wird das Wasser sich also bis rs, über ed nur halb 
so hoch, bis {uw ausdehnen; in allen Niveaus oberhalb 
ecd ist also jetzt der Druck über ab größer als über ed; 
wird die Scheidewand entfernt, so bewegt sich die Hälfte 
des höher als tw stehenden Wassers von der linken nach 
der rechten Hälfte des Gefäßes, und es wird über dem 
ganzen Gefäß ein gemeinsamer Wasserstand, das Mittel 
beider, in °/, rm oder 1'/, un Höhe über dem Niveau mn hergestellt. Ganz 
ebenso muß sich auch die Atmosphäre verhalten, 
Während wir sonst gewohnt sind, gleichzeitige horizontale Temperatur- 
unterschiede als die Ursachen der Luftbewegungen zu erkennen, ruft also in 
Fällen wie dieser die bloße gleichmäßige Temperaturänderung der ganzen Masse 
nicht nur vertikale, sondern auch horizontale Massenbewegungen hervor, 
Unter Zugrundelegung alles vorhandenen Materials bestimmt Meinardus 
die mittlere Temperatur des Raumes jenseits von 66'/,° S-Br. für den Januar zu 
—3°, für den Juli zu — 26° im Meeresniveau, Um für diese Temperaturdifferenz 
einen mittleren Luftdrucküberschuß des Januar über den Juli in der Größe von 
11m zu erhalten, muß die mittlere Höhe dieses Raumes nach Meinardus 
1350 + 150 m sein. Da aber nach den besten Schätzungen nur */, des Südpolar- 
gebiets von Land eingenommen ist, so muß die mittlere Höhe dieses Landes noch 
um die Hälfte größer sein, also 2000 + 200 m betragen. Für ein Gebiet, fast 
1’'/;mal so groß wie Europa, eine mittlere Höhenlage von 2000 m — das ist ein 
überraschendes Ergebnis; die mittlere Erhebung aller übrigen Landflächen der 
Erde ist nur 700m. Das Ergebnis wird aber, wie Prof, Meinardus zeigt, 
durch die Beobachtungen von Shackleton, David, Scott, Borchgrevink u.a, 
soweit diese reichen, durchaus gestützt, 
Zu den zwei vorhin aufgeführten Lehrsätzen kommt also noch der {fol- 
gende hinzu: 
3. In einer (tropfbaren oder elastischen) Flüssigkeit über unebenem Boden 
treten auch ohne räumliche Temperaturunterschiede bei Änderungen in der 
Dichte durch Erwärmung oder Abkühlung Massenverschiebungen mit horizontaler 
Komponente ein, die bei abnehmender Dichte von den tiefen zu den flachen 
Teilen (von Tal zu Berg) gehen, bei zunehmender Dichte umgekehrt. 
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