Köppen, W.:. Die Verschiebungen der Atmosphäre im Jahreslaufe usw. 351
Nord- und Südhälfte der Erde. Jedes Millimeter Barometerstand am Grunde des
Luftmeeres repräsentiert 1!/; kg Luftmasse über jedem Quadratmeter horizontaler
Bodenfläche,
Allein schon gegen die Berechnung von Kleiber hatte Angot gleich
den Einwand erhoben, daß die von ihm — und ebenso später von Tillo —
verwendeten »Luftdruckmittel im Meeresniveau« ein falsches Bild von den Ver-
schiebungen der Atmosphärenmasse geben müssen. In der Tat, der durch die
Unebenheiten des Erdfesten aus der Atmosphäre herausgeschnittene Raum kann
zu diesen Luftverschiebungen nichts beitragen, Dennoch wird ihm in den auf
den Meeresspiegel umgerechneten Druckwerten eine je nach der Temperatur
wechselnde Luftmenge zugute geschrieben; die Differenz zwischen Januar und
Juli stellt sich also bei den Meeresspiegel-Werten ganz anders, als der wirkliche
jahreszeitliche Massenwechsel über derselben Gegend. Ein Beispiel nach Tillos
»Verteil, d, Luftdr. im Russ. Reich« mag dies zeigen. Der Unterschied der Luft-
druckmittel von Januar und Juli ist in Nertschinsk auf das Meeresniveau reduziert
22.2 mm, ohne Reduktion nur 9,6 mm, in Hammerfest reduziert —5.7, ohne
Reduktion —6.7 mm. Die Karte der Linien gleichen Druckunterschieds zwischen
Januar und Juli in Spitalers sogleich zu erwähnender Abhandlung zeigt dieses
Verhältnis anschaulich, indem dieser Unterschied, der am Aralsee und am Gelben
Meere 10 mm übersteigt, in Tibet auf Null herabsinkt und auf den nordamerika-
nischen Hochländern negativ wird.
Berechnungen nach diesem Gesichtspunkt hat zuerst 1891 Heiderich in
Penck: Geographische Abhandlungen, Bd. 5, veröffentlicht. Auf Grund derselben
fand er den mittleren Luftdruck an der Erdoberfläche auf der nördlichen Halb-
kugel (0—80° N) im Januar nur um 0.3 mm höher, als im Juli, während für die
südliche Halbkugel, deren mittleres Niveau ja viel weniger vom Meeresspiegel
abweicht, die Tillosche Zahl wenig verändert wurde. Da die in dieser Unter-
suchung verwendeten Zahlen teilweise unrichtig waren, so haben Baschin
(Zeitschr. d. Ges, f, Erdkunde in Berlin, 1895) und Spitaler (Peterm. Mitt,
Ergänzungsheft 137, 1901) die Arbeit unabhängig voneinander wiederholt. Sie
fanden. ziemlich übereinstimmend, daß der gesuchte Unterschied auf der Nord-
halbkugel (0—80° N) 0.8 mm und auf der Südhalbkugel nördlich von 50° $S-Br.
—2.1 mm beträgt.
Während also 1879-—88 die Aufgabe sich auf den Nachweis zu beschränken
schien, daß die im Sommer von den großen Festländern der Nordhalbkugel,
namentlich von Asien, abfließende und im Winter dorthin zurückkehrende Luft
nicht nur auf den angrenzenden Meeren, sondern zum Teil auch auf der Süd-
halbkugel Aufnahme findet, und die letztere der ersteren als passives Element
gegenübertrat, zeigte sich nun der Druckzuwachs auf der Südhalbkugel als viel
größer, denn die Druckabnahme auf der nördlichen, und verlangte ersterer nun
Erklärung.
Für die niederen Breiten würde die Erklärung durch den Satz 2 gegeben
sein, obwohl das Hochdruckgebiet im Südatlantischen Ozean im Laufe des Jahres
fast nur seine Intensität, nicht seine Lage ändert. Für die Breiten südlich von
25° versagt aber auch diese Erklärung.
Die Bemühungen dafür sind von O. Baschin!) und ganz neuerdings von
W. Meinardus®) fortgesetzt worden.!) Zunächst indem man für die in den
früheren Berechnungen noch fehlenden Teile der Erdoberfläche nach neueren
Beobachtungen möglichst richtige Luftdruckmittel ableitete. Dies hat Baschin
für die Meere zwischen 50 und 66!/,° S-Br. getan und Meinardus hat seine
Zahlen durch weitere Untersuchung gestützt und auch für den im Norden offen
gelassenen Raum zwischen 80° und dem Nordpol Werte abgeleitet, deren Un-
sicherheit zwar noch beträchtlich, aber bei der Kleinheit dieses Raumes für das
Resultat unerheblich ist. Alle diese Feststellungen haben aber das oben er-
wähnte Mißverhältnis nicht verringert, sondern gesteigert, so daß zur Erreichung
1) »Zeitschr, d. Ges. f. Erdk. zu Berlin«, 1907. — »Ann. d. Hydr. usw.« 1907,
2) »Petermanns Mitteil.« 1909, Heft 11 und 12,