Großmann: Die Stürme an der deutschen Küste vom 12, bis 14. November usw. 335
Die Stürme an der deutschen Küste .
vom 12. bis 14. November und vom 2. bis 5. Dezember 1909.
Prof. Dr. Großmann - Hamburg.
(Hierzu Tafel 32.)
| Die nachfolgend behandelten Stürme gehören zu den schwersten, die
in dem vergangenen Winter unsere Küste betroffen haben; der zweite Sturm
stellte sich durch seine Stärke und Dauer über dem Westen unserer Küste als
einer der stärksten hier beobachteten dar. . . ;
Die Entwicklung der beiden Stürme bot viele Gegensätze: In dem ersten
Falle zeigt die Haupterscheinung das. Fortschreiten eines sich vertiefenden
Minimums längs der Küste, im anderen Falle aber ‚ein Minimum, das von Eng-
land in ungewöhnlicher Tiefe durch die Nordsee. nach Südnorwegen fortschritt
und dabei seinen Depressionsbereich ostwärts ausbreitete. Der erste Haupt-
wirbel- brachte nach nördlichen Richtungen drehende Stürme, der zweite aus-
schließlich Stürme aus südlichen Richtungen. Der erste Sturm. traf die ganze
Küste und erreichte im Osten nach den Registrierungen der. Anemographen
teilweise größere Stärken als im Westen, während der Dezembersturm im Osten
nur einzelne Teile der Küste berührte, dafür aber westlich von Wustrow i. Meckl,
erheblich größere Windstärken als der Novembersturm herbeiführte; nach den
Anemographen war die höchste Stärke der Winde in Wustrow für beide Stürme
etwa dieselbe. Ähnliche Gegensätze ergeben sich auch hinsichtlich der. in
beiden Stürmen registrierten niedrigsten Barometerstände, wo Wustrow wieder
etwa das gleiche Verhalten in beiden Fällen aufweist. .
Der Dezembersturm hat eine traurige Berühmtheit durch den Untergang
von ‚acht: Finkenwärder Fischerfahrzeugen in der Nordsee gewonnen, und der
Novembersturm ist durch den Totalverlust des auf Groß-Vogelsand gestrandeten
Dreimast-Vollschiffs Marie Hackfeld (siehe S. 340 unter‘ Cuxhaven vom 13. Nov.)
besonders bekannt geworden, Von der verheerenden Gewalt der Stürme: legt
am Schlusse eine Zusammenstellung der Schiffsverluste und schweren .Schiffs-
havarien ein Zeugnis ab; sie gründet sich auf ausführliche Listen, die gütigst
von dem Germanischen Lloyd-in Berlin und von Herrn Fischereidirektor
Lübbert zur Verfügung gestellt worden sind. .
Um die Entwicklung der Luftdruckverteilung an den Sturmtagen darzutun,
sind auf Taf. 32 zwölf Wetterkarten beigefügt, zu deren Herstellung die Arbeits:
Wetterkarten der Seewarte durch andere gedruckt ‚vorliegende, sowie durch
handschriftlich vom Meterological Office in London gütigst übermittelte Beob-
achtungen und insbesondere auch durch die in den Daily Weather Reports des
Meteorological Office veröffentlichten funkentelegraphisch gemeldeten :Beob-
achtungen von Schiffen auf dem Atlantischen Ozean ergänzt worden sind, >
I. Die Stürme vom 12. bis 14. November 1909.
Am Morgen des 11. Novembers bedeckte der südliche Teil einer seit
mehreren Tagen über dem Eismeer ostwärts ziehenden Depression den Nordost-
quadranten der Wetterkarte auf dem Wetterbericht der Seewarte; sie reichte
mit niedrigsten Barometerständen vom Weißen Meer nach Nordwestdeutschland
und erstreckte ihre Isobaren bis näch dem Alpen und Nordösterreich, In ihrem
Rücken . war ein Hochdruckgebiet über dem Ozean nachgefolgt, das sich an
jenem Morgen von. einem westlich von Irland gelegenen Maximum in einem
Ausläufer bis nach dem Nordmeere ausdehnte. ‚Südwestlich von. Island deutete
sich ein neues Tiefdruckgebiet an, und dieses zog im Laufe des Tages schnell
heran, während der genannte Keil hohen Drucks zerfiel und sich neben dem
südwärts verlagerten Hauptmaximum ein zweites Maximum über dem Nordmeer
einstellte. Zwischen beiden Hochdruckgebieten bildete sich eine Furche niedrigen
Drucks .aus, durch welche. die neue Depression mit derjenigen über Nordost-
europa in Verbindung trat.