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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1910. 
das Himmelsgewölbe als feststehend erscheint. Da das Azimut eines Sterns 
der Winkel zwischen dem Vertikal des Gestirns und dem Ortsmeridian ist, so 
hört am Pole, weil kein Ortsmeridian vorhanden ist, auch die Bestimmung des 
Azimutes auf. Man könnte nur von Längenunterschieden der Gestirne sprechen, 
die gleich den Azimutunterschieden sind, Hat man nur ein Gestirn, etwa die 
Sonne, mehrmals beobachtet, so wird man als Längen- (Azimut) unterschied das 
Zeitintervall zwischen den beiden Beobachtungen ansehen dürfen, das man nach 
einer nach mittlerer Zeit gehenden Uhr!) bestimmt. Die Höhe eines Gestirns 
ist gleich seiner Deklination, die man aus dem Nautischen Jahrbuche abschreibt.?) 
Man braucht sie also nicht erst mit Hilfe einer Logarithmentafel zu berechnen, 
Jede gemessene Höhe liefert in bekannter Weise eine Standlinie, Karten in 
Merkatorprojektion sind am Pole nicht brauchbar, am besten ist es, eine Karte 
in stereographischer Polarprojektion zu benutzen, die man sich leicht herstellen 
kann. Auf einem beliebigen Blatte Papier schlägt man um einen Punkt äqui- 
distante Kreise, etwa in 10 cm = 1° Abstand voneinander, damit man die 
Zehntel und Hundertel Grade des Polabstandes bequem ablesen kann. Irgend 
einen Radius bezeichnet man als Nullradius und trägt auf ihm vom Pole aus 
den Unterschied zwischen der für Refraktion, Parallaxe, Halbmesser korrigierten 
Höhe und der Deklination des Gestirns auf. Welche Seite des Kreisdurchmessers 
man als positiv oder negativ betrachten will, ist gleichgültig. 
Mit der zweiten Höhe verfährt man ebenso. Man trägt den Unterschied 
Höhe-Deklination auf einem Radius ab, der mit dem Nullradius einen Winkel 
gleich der verflossenen Zeit zwischen den Beobachtungen bildet, Durch die 
beiden gefundenen Punkte zieht man Senkrechte zu den Kreisradien. Der Schnitt- 
punkt dieser Standlinien entspricht dem Beobachtungsort. Mit dem Zentimeter- 
maß mißt man den Abstand des Schnittpunktes vom Pole, damit ist die geogra- 
phische Breite des Beobachtungsortes gefunden. Mit einem Winkelmesser mißt 
man den Längenunterschied des Beobachtungsortes vom Nullradius. Diesen 
Längenunterschied addiert bzw. subtrahiert man von der geographischen Länge 
des Nullradius, Der Schnitt zweier Linien wird am schärfsten, wenn sie sich 
unter rechtem Winkel schneiden. Man erhält daher die beste Ortsbestimmung, 
wenn man die zweite Höhe etwa 6h später als die erste mißt, (Dies Resultat 
hat auch Herr Charlier durch die oben angezogene Reihenentwicklung gefunden.) 
Die Methode ist in dieser Form nur anwendbar, wenn beide Höhen an 
demselben Punkte gemessen sind, wenn also inzwischen keine Ortsveränderung 
des Beobachters stattgefunden hat. 
Ortsveränderungen sind zweierlei Art, beabsichtigte und unbeabsichtigte. 
Die beabsichtigten Ortsveränderungen lassen sich stets in Rechnung ziehen, die 
unbeabsichtigten nicht immer, Hat man inzwischen auf einem Kurse eine Anzahl 
Seemeilen zurückgelegt, so entnimmt man aus der Grad- oder Strichtafel die 
entsprechende Breitenänderung und den Längenunterschied in Seemeilen, Den 
Längenunterschied in Seemeilen multipliziert man mit der Sekante der Mittel- 
breite, um ihn in Gradmaß auszudrücken. Diesem Breiten- und Längenunter- 
schied entsprechend zieht man die zweite Standlinie, Man muß in dieser Art 
verfahren, da eine stereographische Karte gebraucht ist, in der man Kurs und 
Distanz nicht ohne weiteres eintragen kann. 
. In der Kugelzone von 85° bis 89° sind Azimutmessungen noch ausführbar. 
Die wahren Azimute braucht man zur Bestimmung der Mißweisung der Magnet- 
nadel, die an dem Kompaßkurs anzubringen ist, um den rechtweisenden Kurs 
zu erhalten. Höhenazimute sind höchstens in der Nähe des ersten Vertikals 
anwendbar. Auf 89° Breite entspricht einem Fehler von 1’ in der Höhe 
1) Auf Polarfahrten, verwendet man ungeölte Taschenuhren (keine Chronometer), damit 
nicht durch Gefrieren des Öles der Gang der Uhr beeinträchtigt wird. Auch bewähren sich solche 
Uhren auf Schlittenreisen besser als die empfindlichen Chronometer. Die Anderung der Zeitgleichung 
kann man vernachlässigen, 
2) Da die Deklination der Sonne sich nur zur Zeit der Sonnenwenden unmerklich ändert während 
eines ganzen Tages, so ist auch am Pole ihre Höhe nicht immer konstant, wie Herr Dr. Meldanu 
in den Deutschen Geoer. Blättern, 1910, 8. 156 angegeben hat.
	        
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