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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

Wedemeyer, A.: Ortsbestimmung im Polargebiete. 
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Ortsbestimmung im Polargebiete. 
Von A, Wedemeyer. 
Im Hochsommer vorigen Jahres wurde die Welt mit der Meldung über- 
rascht, daß zwei amerikanische Nordpolfahrer, Cook und Peary, am Nordpol 
gewesen seien. Diese Meldung wurde nicht ohne weiteres geglaubt, man forderte 
Beweise. Cook unterbreitete daher eine Abschrift seines Tagebuches der Uni- 
versität Kopenhagen zur Begutachtung. Nach langer Prüfung erging der Be- 
scheid der gelehrten Kommission in Kopenhagen dahin, daß diese Abschrift nicht 
beweiskräftig sei. Pearys Tagebücher sind in Amerika geprüft und als be- 
weiskräftig erfunden worden. Als das Urteil der Kopenhagener Kommission 
bekannt wurde, ist Cook fast allenthalben als Schwindler und Betrüger bezeichnet 
worden, nur eine Stimme wurde laut, die nicht von bewußter Täuschung, sondern 
von Selbsttäuschung öffentlich sprach. Ein berühmter Zoologe und Botaniker, 
dem es nicht gelungen war, die Fauna und Flora am Nordpole zu erforschen, 
soll sogar geäußert haben, daß Cook nicht fähig sei, die zur Ortsbestimmung 
nötigen Rechnungen auszuführen, Wie wenig zutreffend dies ist, werden wir im 
folgenden zu zeigen suchen. Auch darüber, ob es möglich ist, astronomische 
Beobachtungen vorzutäuschen, sind die Meinungen geteilt, Sir David Gill,') 
der frühere Direktor der Kap-Sternwarte, hält es nicht für möglich, Herr 
Dr. Meldau,?) der Mitglied der Prüfungskommission für Seeschiffer in Bremen 
ist, meint: »die den einfachen Rechnungen zugrunde liegenden Beobachtungen, so 
schwer sie anzustellen sind, lassen sich mit der größten Leichtigkeit fingieren«, 
Recht wird man darin wohl demjenigen geben müssen, der die meisten Erfah- 
rungen gesammelt hat. Vielleicht wird sich der Leser auch nach den folgenden 
Ausführungen sein Urteil leicht bilden können, 
Ferner sind die Urteile über die Brauchbarkeit der Methoden der Orts- 
bestimmung geteilt. Herr Dr. Meldau hält die in der Nautik üblichen für aus- 
reichend, während nach Herrn Charlier®) »die gewöhnliche Lösung des Problems 
in der Nähe des Poles untauglich wird«, Die Grundgleichungen des Zweihöhen- 
problems 
sinh, = sin g sin & COS COS 8, COS t; . 
sin h, => ön pen T dos Pe } Q 
transformiert Herr Charlier durch Anwendung einer orthographischen Pro- 
jektion in die beiden folgenden: 
£ — (a —_ iR tang 8 — sın Aka ö, 
1 
E& cos z— nn sin —(1—Y)1 — R?— #?) tang 0 = a ) 
? 
und findet dann durch Reihenentwicklungen, daß die Bestimmung von & = cosg cos t, 
und 7” = cos g sin t, am sichersten geschieht, wenn 7 nahe 90° ist. Für Örter sehr 
nahe am Pole hat man mit genügender Genauigkeit: 
& = (sin bh, — sin d,) sec 0, . 
„sint = (sin h, — sin ö,) sec ö, cos 5 — (sin h, — sin ö,) sec 6, } ® 
Die rechten Seiten von (3) sind die ersten Glieder in der Potenzentwicklung 
von & und %. Ohne Schwierigkeit lassen sich die weiteren Glieder der Ent- 
wicklungen bilden. Indessen soll es für die numerische Rechnung besser sein, 
die Gleichungen (3) durch sukzessive Annäherungen aufzulösen. 
Herr A, R. Hinks empfiehlt‘) die Anwendung der Höhenmethode, die in 
diesem Falle sehr einfach wird und im folgenden genauer betrachtet werden soll. 
Den Pol wollen wir als gegißten Ort betrachten. Für einen Beobachter 
am Pole fallen die beiden Koordinatensysteme des Äquators und des Horizontes 
zusammen. Die Bestimmung der. Ortszeit und der geographischen Länge 
hört auf, da einem Beobachter am Endpunkte der Rotationsachse der Erde 
11 
The Geogr. Journal, London 1910, XXXV, 8. 306 
Deutsche Geogr. Blätter, Bremen 1910, XXXII, S. 156. 
Astron. Nachr., Kiel 1910, 184, Nr. 4393, 8. 1 bis 4. 
The Geogr. Journal, London 1910, XXXV, 8. 301.
	        
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