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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

274 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1910. 
ganzen Ebbetide muß der Widerstand des schwereren Seewassers gegen die aus- 
strömenden Wasserteilchen am geringsten an der Oberfläche sein und mit der 
Tiefe größer werden, infolgedessen die Oberflächengeschwindigkeit nach der Sohle 
schneller abnehmen muß wie im Süßwasser, Die Bildung und Erhaltung einer 
gewissen Tiefe hängt aber in erster Linie von der Sohlengeschwindigkeit des 
Wassers ab. Mit der Vergrößerung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Flut- 
welle muß aber die Veranlassung zu Verflachungen durch das Seewasser geringer 
werden, während im übrigen durch die damit verbundene Vergrößerung des 
Unterschiedes zwischen Nd-Wss. und H-Wss. die Flutwelle nach ihrer vollständigen 
Entwicklung weiter als jetzt hinauflaufen und damit die während der Tide durch- 
strömenden Wassermassen vermehren wird, womit eine Abnahme der Baggerungen 
eintreten muß. 
Von den beiden genannten Mitteln zur Vergrößerung der Fortpflanzungs- 
geschwindigkeit der Flutwelle ist das letztere insofern nicht empfehlenswert, als 
der Einleitung der Alten Maas in den Wasserweg zur Vermehrung der Wasser- 
massen in letzterem die verschiedenen Strömungen an dem Teilungspunkt entgegen- 
stehen, die gegen die Ausführung sprechen. Von dem ersten Mittel kann jedoch 
ein Erfolg wohl zu erwarten sein, da der wesentlichste Faktor in der Formel 
von J. Boussinesq für die Fortpflanzungsgeschwindigkeit eines Teiles einer 
Welle (Essai sur la th6orie des eaux courantes, Paris 1877, pag. 358): 
P ah!  H? a?h! 
vw AV (Ram de) 
worin bezeichnet: 
U, die Geschwindigkeit des Wassers d. i. Abfluß geteilt durch den 
Profilinhalt; 
g die Beschleunigung der Schwerkraft; 
h! die Höhe des betreffenden Teils der Welle über dem mittleren Wasserstand; 
H die mittlere Tiefe bei diesem Wasserstande; 
s die Entfernung von dem Anfangspunkt; 
die mittlere Tiefe H der wesentlichste Faktor ist. 
Durch Einengung des Wasserweges von See bis Rotterdam, bzw. noch 
weiter aufwärts, würde sich bei einer anzustrebenden Tiefe von 10 m-Nd-Wss. 
eine Beschleunigung der Flutwelle um 15 Minuten und eine Vermehrung der 
Flutgröße yon 0.16 m gegen jetzt in Rotterdam bei einer weiteren Senkung des 
Nd-Wss, um 0.10 m daselbst erreichen lassen, jedoch auch wieder nur unter der 
Voraussetzung, daß oberhalb Rotterdam durch entsprechende Maßnahmen die 
verstärkte Flutwelle ungehindert nach oben verlaufen kann, 
Hamburg. A. v. Horn, Wasserbauinspektor. 
Über die Theorie der Entstehung der Tiden in elliptischer Bahn. 
Von Aloys Müller in Bonn. 
Die folgenden Ausführungen wollen zunächst die Formeln für die flut- 
erzeugenden Kräfte unter Voraussetzung der tatsächlichen elliptischen Bahn ab- 
leiten und diskutieren. Die Rechtfertigung dieser Ableitung wird sich dann von 
selbst zu einer prinzipiellen Erörterung der Störungskräfte auswachsen. 
Den Anlaß zur Veröffentlichung dieser Betrachtungen gab der in dieser 
Zeitschrift!) erschienene Aufsatz von v. Schaper. In den kritischen Teilen 
seiner Darlegungen macht der Verfasser meinen Arbeiten zur Tidentheorie einen 
doppelten Vorwurf: 1. Er findet einen Widerspruch zwischen meiner Beurteilung”) 
der Hoffschen Theorie3 und meinen eigenen Entwickelungen; 2. er läßt meine 
') »Ann. d. Hydr. usw.« 1910 8. 110ff. 
?) »Beiträge zur Geophysik« 1909, X. Bd. S. 133 ff 
3 sAnn. d. Hydr. usw.« 1907 8. 122ff.
	        
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