Herrmann, J.: Ort und Ursache der Strandungen deutscher Seeschiffe, “981
Nötigenfalls sollte man sich nicht scheuen, zu ankern oder direkt vom Lande
abzuhalten. Auch bei anscheinend klarem Wetter, besonders nachts, sollte man
das Loten nicht unterlassen, da Landmarkungen und Landfeuer dort häufig
durch Nebelbänke oder Dunst verdeckt werden und so zu einer irrigen Annahme
über den Schiffsort verleiten. .
Englischer Kanal. . Bei der Durchsteuerung durch den Englischen Kanal ist
besonders die französische Küste und hauptsächlich ihr westlicher Teil gefährlich.
Bei den Kanalinseln sind schon verschiedene deutsche Schiffe durch Stromver-
setzung bei unsichtigem Wetter verloren gegangen oder in gefährliche Lage
gekommen, auslaufend wie heimkehrend. Besonders gefährlich ist die Umgegend
der Casquets und von Alderney für ostwärts bestimmte Schiffe bei westlichen
und nordwestlichen Winden, bei denen sie häufig ihrem Besteck weit voraus und
südlich davon sind. Es kommt nicht selten vor, daß dann, statt des ange-
steuerten St. Catherine’s Point schon mehrere Stunden früher die Casquets und
Alderney in Sicht kommen. Bei ‘sichtigem Wetter kann man bei einiger Auf-
merksamkeit die Gefahr noch rechtzeitig erkennen, bei unsichtigem Wetter da-
gegen wird, da auch das Lot dort bei weitem nicht so zuverlässig ist wie an der
englischen Seite, in den meisten Fällen Strandung erfolgen, die auf den Klippen
in dieser Gegend fast stets zum Totalverlust des Schiffes führt. Infolge der
Gefahr, der man an der französischen Küste ausgesetzt ist, wird in allen Segel-
anweisungen empfohlen, beim Passieren des Kanals stets die englische Küste zu
halten, Trotzdem gibt es noch viele Schiffe, die anstatt unter der englischen
Küste entlang zu steuern, wo sie nachts aus einem Feuerkreise in den andern
laufen können und wo bei unsichtigem Wetter das Lot guten Anhalt bietet,
lieber die Mitte des Kanals halten oder bei Nebel von St. Catherine’s Point nach
den Casquets hinübersteuern, in der Hoffnung, dort sichtiges Wetter zu finden.
Die Versuchung, in der Mitte des Kanals längs zu laufen, ist besonders für heim-
kehrende Segler groß, die mit sicherem Besteck vor dem Kanal ankommen, und
zwar hauptsächlich, um den vielen auslaufenden Dampfern, die man unter der
englischen Küste trifft, aus dem Wege zu gehen. So gewichtig dieser Grund
auch ist, so sollte doch bedacht werden, daß es gerade diese Schiffe sind, denen
die größte Gefahr droht.
Das Seeamt zu Stettin bezeichnete es bei der Untersuchung der Strandung
des Dampfers »Hermann Köppen« (Nr. 61) als eine zu rügende Unvorsichtigkeit,
daß der Schiffsführer die englische Küste nicht gehalten hatte, wodurch der
Unfall vermieden worden wäre.
An der englischen Seite des Kanals ist die Küste zwischen St. Catherine’s
Point und den Needles gefährlich und zwar hauptsächlich bei unsichtigem
Wetter für ostwärts bestimmte Schiffe, die mit unsicherem Besteck in den Kanal
kommen. Dort sind schon verschiedene große Dampfer und Segler gestrandet,
Ouessant bildet wegen der starken Strömungen in seiner Umgebung für
die vom Süden nach dem Kanal bestimmten Schiffe eine große Gefahr, In den
Jahren 1897 bis 1906 sind dort auf den Klippen 7 Schiffe gestrandet. Wenn
dies auch nur ein geringer Teil der zahlreichen dort vorbeikommenden Schiffe
ist, hätten doch alle Strandungen bei genügender Vorsicht vermieden werden
können. Die Strandungen bei Ouessant sind fast ausnahmslos durch starke
östliche Strömungen bei unsichtigem Wetter hervorgerufen worden, Auch unter
gewöhnlichen Umständen kann man, vom Süden kommend, meist mit mindestens
10 Sm östlicher Versetzung im Etmal rechnen, es kommen aber 30 bis 40 Sm
und noch größere Versetzungen vor, besonders nach westlichen Stürmen. Es ist
daher im ‚höchsten .Grade unvorsichtig, Ouessant in nur 10 bis 12 Sm Abstand
anzusteuern, wie es häufig geschieht. Man sollte mindestens den drei- oder
vierfachen Abstand nehmen. Der Umweg, den man dabei macht, ist unbedeutend.
Auch schnellfahrende Dampfer dürfen Stromversetzungen, wie sie bei der An-
steuerung von Ouessant vorkommen, nicht außer acht lassen, wenn sie sich auch
mit geringerem Abstand begnügen können. .
Nordwestküste von Spanien. Dasselbe, was von Ouessant gesagt ist, gilt
auch für die spanische Nordwestküste, die nicht minder gefährlich ist und ar